Am Sonntag, dem 27. September 2026, hat Torsten Sløk, Chefvolkswirt von Apollo Global Management, in seiner täglichen Notiz „The Daily Spark“ eine Frage gestellt: „Is an Agentic Bank Run Coming?“ Der Text dazu besteht aus zwei Sätzen und einer Grafik. Persönliche KI-Agenten wie Meta Muse, so der erste Satz, könnten Haushaltsguthaben bald automatisch auf Konten mit 3,3 bis 5,0 Prozent Zins verschieben, statt sie beim amerikanischen Durchschnitt von 0,1 Prozent für Girokonten liegen zu lassen. Nutzten alle Haushalte solche Agenten, so der zweite, könnten Banken einen großen Teil der billigen Einlagen verlieren, mit denen sie Kredite finanzieren. Am Montag stand die Warnung vor einem „agentischen Bank Run“ in den Schlagzeilen, bei Bloomberg Law ebenso wie bei CoinDesk.
Die Schlagzeilen haben aus der Frage eine Warnung gemacht und aus einer Refinanzierungsfrage eine Liquiditätsfrage. Beides trifft den Kern weniger genau als der zweite Satz von Torsten Sløk selbst. Ein Agent, der Guthaben im Abstand weniger Monate zum jeweils besten Angebot schiebt, löst keinen Abzug binnen 30 Tagen aus, wie ihn die Liquidity Coverage Ratio (LCR) unterstellt. Er trifft die Annahmen darunter. Die Regeln, nach denen Banken in der EU die Stabilität ihrer Einlagen bemessen, knüpfen an die Dauer einer Kundenbeziehung, an die Art des Kontos und an zehn Jahre Volumenhistorie an, und alle drei setzen voraus, dass Kunden ihren Zins nicht ständig vergleichen. Die Zinslücke selbst war Thema der Ausgabe 16 des Newsletters „the agentic banker“, die Gegenstimmen der US-Großbanken Thema der Ausgabe 17. Hier geht es um die Modelle, mit denen eine europäische Bank ihre Einlagen steuert. Das Folgende ist eine Ableitung aus Regelwerk, Zinsdaten und Studien, keine Prognose: Muse kann Konten nach den Ankündigungen von Meta und Plaid bislang einsehen, eine Überweisungsfunktion nennen sie nicht.
Was: Apollo-Chefvolkswirt Torsten Sløk fragt am 27. September 2026, ob KI-Agenten Einlagen systematisch zu höher verzinsten Konten verschieben
Wer: Banken mit hohem Anteil täglich fälliger Retail-Einlagen, bei deutschen Banken 64,2 Prozent der Haushaltseinlagen
Wo es wirkt: nicht zuerst in der LCR, sondern in Bodensatzmodell, Zinsplanung und Einlagenmarge
Rechtsgrundlage: Del. VO (EU) 2015/61 Art. 24 und 25 (LCR), Del. VO (EU) 2024/857 Art. 8 (Zinsrisiko im Bankbuch, Standardansatz), Capital Requirements Regulation (CRR) Art. 428m und 428n (NSFR)
Haken: Ein Agent, der laufend wechselt, existiert in keiner Zeitreihe, aus der die Modelle heute lernen
Torsten Sløks zweiter Satz handelt von Refinanzierung
Die Grafik zur Notiz vergleicht elf Angebote amerikanischer Fintechs und Online-Banken, von 3,3 Prozent bei AlumniFi bis 5,0 Prozent bei Adelfi, mit zwei Durchschnittswerten der Einlagensicherung Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC): 0,4 Prozent für Sparkonten und 0,1 Prozent für Girokonten. Die FDIC weist in ihrer Übersicht vom 19. Oktober 2026 für verzinste Girokonten 0,07 Prozent aus, für Sparkonten 0,38 Prozent. In Dollar umgerechnet, was die Notiz selbst nicht tut, liegt der Abstand nach eigener Rechnung mit den 0,1 Prozent aus der Grafik auf 10.000 US-Dollar Guthaben bei 320 bis 490 US-Dollar im Jahr, je nachdem, ob man das schwächste oder das stärkste Angebot der Grafik nimmt. Eine Größenordnung für das Volumen, das wandern könnte, oder ein Tempo nennt die Notiz nicht. „Bank Run“ steht nur in der Überschrift, und dort als Frage. Der Begriff ist zugespitzt, die Mechanik dahinter beschreibt Torsten Sløk im zweiten Satz nüchtern: billige Einlagen, auf die Banken sich bei der Kreditvergabe stützen.
Der Agent, den Torsten Sløk nennt, ist real und verbreitet. Meta hat Muse am 8. September 2026 vorgestellt, einen persönlichen Agenten, der laut Unternehmensmitteilung Browser öffnen, Formulare ausfüllen und verhandeln kann. Über den Datenanbieter Plaid lassen sich Konten anbinden, um nach den Worten von Plaid „balances, transactions, investment holdings, mortgage information and more“ zu teilen. Am 21. Oktober meldete Meta mehr als zehn Millionen Nutzer. Zugleich ziehen JPMorgan Chase und der Broker Charles Schwab eine Grenze. Jamie Dimon, Chief Executive Officer von JPMorgan Chase, sagte am 13. Oktober in der Telefonkonferenz zum dritten Quartal laut CNBC: „We're not going to allow just any … outside agent to come in inside the company, because it's just too risky for clients and for JPMorgan.“ Rick Wurster, Chef von Charles Schwab, kündigte an, Agenten zu blockieren, die sich im Namen von Kunden anmelden, und fügte hinzu, das komme bislang selten vor. Charlie Scharf, Chef von Wells Fargo, hält die Erwartung einer massenhaften Einlagenverschiebung für „completely overdone, especially for the time period we can see“.
Diese Sperren sind freilich keine Dauerlösung, und die Banken selbst behandeln sie nicht so. Eine Sprecherin von JPMorgan Chase erklärte gegenüber CNBC, die Bank sei „committed to enabling agentic connections securely“. Sierra hat am 9. Oktober den Entwurf eines Personal Agent Protocol veröffentlicht, genannt Poppy, das regeln soll, welche Rechte ein Kunde seinem Agenten einräumt. Meta gehört zu den ersten Partnern, Bank of America, BBVA und Wells Fargo sind als Design Partner dabei. Im Einsatz ist der Standard noch nicht. Die Frage lautet deshalb nicht, ob Agenten an die Konten kommen, sondern zu welchen Bedingungen. Für eine Bank in der EU ist die nützlichere Frage eine Ebene tiefer angesiedelt: Woraus leitet ihr Regelwerk ab, dass eine Einlage stabil ist, und was davon bleibt, wenn ein Programm den Zinsvergleich übernimmt, den Kunden bisher aus Bequemlichkeit unterlassen?
Die LCR erkennt den Zinsjäger erst am zweiten Merkmal
Die LCR bemisst nach der Delegierten Verordnung (EU) 2015/61, wie viel Liquidität eine Bank für einen Stresszeitraum von 30 Tagen vorhalten muss, und ordnet dafür jeder Einlagenart eine Abflussrate zu. Nach Art. 24 gilt eine durch die Einlagensicherung gedeckte Retail-Einlage als stabil und wird mit 5 Prozent angesetzt, wenn sie Teil einer etablierten Geschäftsbeziehung ist oder auf einem Transaktionskonto liegt, also einem Konto, auf dem laut Verordnung „salaries, income or transactions are regularly credited and debited“. Als etabliert gilt eine Beziehung unter anderem dann, wenn der Vertrag mit dem Institut seit mindestens zwölf Monaten besteht, wenn der Kunde dort einen Wohnungsbau- oder langfristigen Kredit hat oder ein weiteres aktives Produkt nutzt. Alle übrigen Retail-Einlagen tragen nach Art. 25 (1) eine Rate von 10 Prozent.
Art. 25 (2) nennt die Merkmale, die eine höhere Rate verlangen, und zwei davon beschreiben das Ziel eines Agenten ziemlich genau: ein Konto mit ausschließlichem Online-Zugang, im Wortlaut ein „internet access-only account“, und ein Zins, der „significantly exceeds the average rate for similar retail products“. Hinzu kommen Gesamtguthaben über 500.000 Euro, kurze Laufzeiten oder Kündigungsfristen unter 30 Tagen sowie Einleger aus Drittstaaten oder fremde Währungen. Die Schärfe liegt allerdings in Art. 25 (3): Erst ein Gesamtguthaben über 500.000 Euro oder zwei der übrigen Merkmale, etwa Online-Konto und Überzins zusammen, führen in eine Spanne von 10 bis 15 Prozent, in der das Institut den Satz selbst festlegt. Ein Überzins allein reicht dafür nicht. Wer die Prüfung nicht vornimmt, muss 15 bis 20 Prozent ansetzen. Das Denkmuster ist alt. Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) hatte Zinsjäger und reine Online-Banken bereits in ihren Leitlinien von 2013 als Risikofaktoren geführt, die Leitlinien 2017 aufgehoben und den Gedanken in Art. 25 fortleben lassen.
Daraus folgt eine Asymmetrie, die in der Debatte meist untergeht. Die erhöhten Abflussraten treffen die aufnehmende Bank, nicht die abgebende. Beim Hausinstitut bleibt das Gehaltskonto ein Transaktionskonto mit 5 Prozent Abflussrate, nur der Saldo darauf wird kleiner. Der Claude-Money-Artikel vom 7. Oktober hielt fest, dass eine Bank durch einen Agenten am Konto weder Einlagen noch Zahlungsverkehr verliert, weil das Konto bleibt, wo es ist. Das gilt für das Konto, für das Guthaben gilt es nicht. Zugleich ist die Kategorie beweglich: Gleichen Banken ihre Zinsen an, weil Agenten jede Lücke ausnutzen, steigt der Durchschnitt, und das Merkmal „significantly exceeds the average rate“ greift seltener. Die LCR misst das Risiko eines Abzugs in 30 Tagen. Was ein rotierender Agent verändert, zeigt sich über Quartale, und dafür ist sie nicht gebaut. Pedro Machado von der EZB-Bankenaufsicht hat die Kalibrierung der Abflussraten in einer Rede im Oktober 2025 selbst infrage gestellt, mit Blick auf unversicherte, digital aktive Einlagen.
Wer alle drei Monate wechselt, wird bei keiner Bank Stammkunde
Ob es in Deutschland überhaupt etwas zu holen gibt, beantwortet die Zinsstatistik der Bundesbank für die Monetären Finanzinstitute (MFI). Täglich fällige Einlagen privater Haushalte brachten im Neugeschäft August 2026 im Schnitt 0,51 Prozent, Einlagen mit vereinbarter Laufzeit 2,33 Prozent. Die Zahl für täglich fällige Einlagen ist dabei eine Mischgröße. Die Bundesbank erfasst darin nach eigener Erläuterung „Konten mit und ohne Zahlungsverkehrsfunktion“, also Girokonten und Tagesgeld gemeinsam. Am Markt sieht es anders aus. Der Vergleich von Finanztip nennt am 21. Oktober als besten Aktionszins für Tagesgeld 4,1 Prozent, befristet auf drei Monate, dahinter zwei Angebote mit 4,0 Prozent für vier Monate. Der beste unbefristete Zins liegt bei 2,45 Prozent. Die Einlagenfazilität der EZB steht seit dem 16. September bei 2,50 Prozent. Ein Aktionszins von über vier Prozent liegt damit deutlich über dem Satz, zu dem eine Bank überschüssige Liquidität bei der Zentralbank anlegen kann. Er ist ein Akquisitionspreis und rechnet sich nur, wenn der Kunde nach Ablauf bleibt.
Wer den Aktionszins halten will, muss nach drei bis vier Monaten zum nächsten Angebot weiterziehen. Ein Mensch tut das selten, weil jeder Wechsel Aufmerksamkeit kostet, ein Programm tut es ohne Zusatzaufwand. Für die LCR hat das eine Folge, die sich aus dem Wortlaut ableiten lässt: Bei jeder neuen Bank beginnt die Frist von zwölf Monaten für die etablierte Beziehung nach Art. 24 (2) a von vorn. Ein Guthaben, das im Vierteljahrestakt wandert, erreicht sie nie, sofern der Kunde dort weder ein Transaktionskonto noch ein weiteres Produkt hält. Die Merkmale, an denen die Verordnung Stabilität festmacht, entstehen erst mit der Zeit, und ein Agent lässt Guthaben nie lange genug bei einer Bank, damit sie entstehen können. Die Plattform Raisin, in Deutschland lange unter der Marke WeltSparen bekannt, vermittelt nach einer undatierten Angabe auf ihrer US-Unternehmensseite weltweit über 90 Milliarden US-Dollar an Einlagen. Wie viel davon im Turnus der Aktionszinsen wandert, weist sie nicht aus.
Gegen das Szenario spricht einiges, und die stärkste Fassung des Einwands kommt aus der Empirie. Die Studie „Sticky Deposits, not Depositors“ hat zehn Millionen Konten amerikanischer Credit Unions ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass 10 Prozent der Einleger 70 Prozent der Guthaben halten. Kunden mit kleinen Salden reagieren auf Zinsänderungen, Kunden mit großen Salden kaum. Die Studie „Dynamic Competition for Sleepy Deposits“ vom März 2026 findet, dass nur etwa 15 Prozent der Kontoschließungen auf Zinsvergleich zurückgehen, mehr auf Umzug oder Tod. Charlie Scharfs Argument zielt in dieselbe Richtung: Wer einen besseren Zins wollte, konnte schon bisher online wechseln. Das stimmt, beschreibt aber die Kosten des Wechsels. Ein Agent nimmt dem Kunden etwas anderes ab, nämlich die Notwendigkeit, überhaupt an den Zins zu denken. Dieselbe Studie zu den „Sleepy Deposits“ sagt deshalb ausdrücklich: „The advent of FinTech services that automate shopping for deposits could erode this source of franchise value.“
Die Zinswende hat dieselbe Bewegung in Zeitlupe gezeigt
Eine Umschichtung nach Zinsabstand hat Deutschland bereits erlebt, ohne Agenten. Zwischen Juni 2022 und Juni 2024 sanken die täglich fälligen Einlagen von Haushalten aus dem Euroraum bei deutschen Banken nach den Zeitreihen der EZB um 129,9 Milliarden Euro, die Spareinlagen mit Kündigungsfrist um 133,5 Milliarden. Die Einlagen mit vereinbarter Laufzeit stiegen im selben Zeitraum um 423,5 Milliarden Euro, von 260,8 auf 684,3 Milliarden. Die Summe der Haushaltseinlagen wuchs dabei um 160 Milliarden Euro. Der Anteil der täglich fälligen Einlagen fiel von 69,5 auf 60,9 Prozent und lag im August 2026 wieder bei 64,2 Prozent. Das Geld wechselte das Produkt und blieb im Bankensystem, und der Wechsel dauerte zwei Jahre. Dass ihn der Zinsabstand ausgelöst hat, ist naheliegend, aber eine Ableitung: Eine Studie der Bundesbank zur Zinsmobilität deutscher Einleger liegt nach den durchsuchten Quellen nicht vor.
Für die Liquiditätsrechnung der Banken war diese Bewegung freundlich. Das Geld landete in Festgeld, und Einlagen, die innerhalb von 30 Tagen nicht abgehoben werden können oder bei vorzeitiger Abhebung eine spürbare Strafe kosten, darf eine Bank nach Art. 25 (4) der LCR-Verordnung aus den Abflüssen ausklammern, sofern das jeweilige Produkt die Bedingungen erfüllt. Die Häuser haben die Kunden demnach teurer, aber länger gebunden. Ein Agent, der Aktionszinsen auf Tagesgeld nachläuft, wählt das Gegenteil: täglich verfügbare Mittel, die gerade wegen ihrer Verfügbarkeit wandern können. Der zweite historische Fall liegt in den USA und zeigt das Tempo, nicht die Mechanik. Die Silicon Valley Bank verlor am 9. März 2023 nach dem Bericht der Federal Reserve „over $40 billion in deposits“ an einem Tag. Das waren unversicherte, konzentrierte Einlagen von Technologiefirmen und Wagniskapitalgebern, die aus Angst um die Solvenz der Bank flohen. Ein Zinsagent für Haushalte verschiebt gedeckte Guthaben aus Renditegründen. Das Risiko, das daraus entsteht, liegt in den Kosten und baut sich über Monate auf.
Die europäische Evidenz passt zu dieser Trennung. Ein Arbeitspapier der EZB („Mind the App“, Working Paper No 3092, August 2025) hat Daten von 110 direkt beaufsichtigten Banken für die Jahre 2016 bis 2024 ausgewertet. In normalen Zeiten finden die Autoren keinen systematischen Effekt der Digitalisierung auf die Volatilität der Einlagen. In den extremsten Abflussmonaten erhöht ein Prozentpunkt mehr Online-Banking die Abflüsse um rund 0,28 Prozentpunkte, und für gedeckte Retail-Einlagen finden sie keinen Effekt, weder im Stress noch in normalen Zeiten. Der Basler Ausschuss stellte im Oktober 2023 fest, dass die Digitalisierung „many of the frictions that may have previously slowed down the magnitude of liquidity outflows“ beseitige, und bezog das auf die unversicherten Einlagen der gescheiterten US-Banken. Für gedeckte Haushaltseinlagen zeigt sich in den Daten der EZB-Aufsicht auch im Stress kein Digitalisierungseffekt. In Bewegung geraten sie dort, wo jemand für den Kunden den Zins vergleicht.
Das Bodensatzmodell lernt aus einer Welt ohne Agenten
Die größere Rechnung steht im Zinsrisiko des Bankbuchs, im Englischen Interest Rate Risk in the Banking Book (IRRBB). Täglich fällige Einlagen haben keine vertragliche Laufzeit, Banken modellieren deshalb einen Bodensatz, also den Teil, der trotz jederzeitiger Abrufbarkeit über Jahre bleibt, und finanzieren damit langfristige Kredite. Für den Standardansatz schreibt die Delegierte Verordnung (EU) 2024/857 in Art. 8 vor, den stabilen Teil „using observed changes of the volume of the deposits due to upward and downward movements of the risk-free interest rate for a period of at least the preceding 10 years“ zu bestimmen. Unter den Faktoren für die Zinsweitergabe nennt dieselbe Vorschrift ausdrücklich „competition from other firms“. Den Kernanteil des stabilen Teils begrenzt sie auf 90 Prozent bei transaktionsbezogenen und 70 Prozent bei übrigen Retail-Einlagen, die durchschnittliche Laufzeit auf fünf beziehungsweise viereinhalb Jahre. Interne Modelle sind an diese Zahlen nicht gebunden. Auch sie können allerdings nur aus dem Verhalten lernen, das in ihren Daten vorkommt.
In zehn Jahren Volumenhistorie kommt kein Agent vor, der Guthaben im Quartalstakt verschiebt. Das Modell schätzt die Stabilität einer Welt, in der Kunden träge waren, und es merkt einen Strukturbruch erst, wenn er sich über mehrere Jahre in den Daten niedergeschlagen hat. Wer Derivatebücher geführt hat, kennt die Position, die dahintersteht. Die Sichteinlage ist aus Sicht der Bank eine verkaufte Option: Der Kunde darf jederzeit abziehen oder einen höheren Zins verlangen, und die Bank kassiert eine Prämie, weil er dieses Recht fast nie ausübt. Ein Agent ist ein Inhaber, der jede Option ausübt, sobald sie im Geld ist. Damit verschwindet keine Einlage, aber die Prämie, und mit ihr ein Teil des Werts, den die Bilanz dem Einlagengeschäft zuschreibt. Die Studie zu den „Sleepy Deposits“ beziffert ihn: Die Trägheit der Einleger erklärt danach 57 Prozent des durchschnittlichen Franchise-Werts der Einlagen.
Die Zinsplanung kennt die zugehörige Kennzahl als Deposit Beta, den Anteil einer Leitzinsänderung, den eine Bank an ihre Einleger weitergibt. Ein Arbeitspapier der FDIC aus dem Mai 2024 misst für die US-Banken im Zinszyklus 2022 und 2023 eine kumulierte Deposit Beta von 0,27, bei den kleinsten Instituten 0,25, bei den größten 0,44. Ein Agent, der den Zins fortlaufend vergleicht, schiebt diese Werte für die Kunden, die er bedient, nach oben. Auch die Net Stable Funding Ratio (NSFR) bewertet nach Art. 428n und 428m der CRR stabile Retail-Einlagen mit 95 Prozent und übrige mit 90 Prozent verfügbarer stabiler Refinanzierung. Die Gegenposition verdient ihre stärkste Fassung. Dieselbe Trägheit, die Margen sichert, hat Banken 2023 stabilisiert, und die Studie zu den „Sleepy Deposits“ hält fest, dass sie die Ausfallwahrscheinlichkeiten im Bankenstress jenes Jahres „significantly reduced“. Wer die Marge verliert, verliert also auch einen Puffer. Bei schwach kapitalisierten Häusern kann aus der Kostenfrage auf diesem Weg eine Solvenzfrage werden, und erst dann eine Run-Frage. Die EBA mahnte im Juni 2026 unabhängig von Agenten, Banken sollten prüfen, ob ihre Finanzierungspläne „the risk of abrupt repricing dynamics in deposit markets“ ausreichend berücksichtigen.
Der hauseigene Agent kostet zuerst die eigene Marge
Die naheliegende Antwort einer Bank ist ein eigener Agent. JPMorgan Chase testet nach Angaben von Finanzchef Jeremy Barnum ein Werkzeug namens Smart Cash, das den Zahlungsfluss eines Kunden vorhersagen und Mittel „to maximize yield“ umschichten soll. In Europa hat ein solches Angebot einen regulatorischen Vorsprung. Nach Art. 15 der Delegierten Verordnung (EU) 2018/389 darf eine Bank auf die starke Kundenauthentifizierung (Strong Customer Authentication, SCA) verzichten, wenn ein Kunde Geld zwischen eigenen Konten beim selben Institut überträgt. Ein fremder Agent, der Geld zu einer anderen Bank bewegen will, braucht dagegen nach der Zahlungsdiensterichtlinie (Payment Services Directive, PSD2) einen zugelassenen Zahlungsauslösedienst, die ausdrückliche Zustimmung des Kunden und in aller Regel eine SCA für jede Auslösung. Der Umbau dieses Rahmens zur dritten Zahlungsdiensterichtlinie (PSD3) und zur Zahlungsdiensteverordnung (Payment Services Regulation, PSR) ist politisch vereinbart, die formale Verabschiedung stand nach den ausgewerteten Quellen noch aus.
Der Vorsprung hat seinen Preis. Ein Sweep im eigenen Haus schiebt Guthaben vom Girokonto mit 0,51 Prozent Durchschnittszins auf ein besser verzinstes Konto derselben Bank, und jeder umgeschichtete Euro senkt die Marge, die das Einlagengeschäft heute trägt. Bei einem Anteil täglich fälliger Einlagen von 64,2 Prozent der Haushaltseinlagen deutscher Banken ist das kein Randeffekt. Die Bank behält die Einlage und verliert einen Teil des Ertrags, den sie bisher der Trägheit ihrer Kunden verdankt. Die Alternative, fremde Agenten über eine kontrollierte Schnittstelle zuzulassen, wie es der Entwurf des Personal Agent Protocol vorsieht, erhält zumindest die Kundenbeziehung, aus der nach Art. 24 der LCR die Stabilität kommt. Welcher Weg sich rechnet, hängt davon ab, wie viel der eigenen Einlagenmarge auf Kunden beruht, die heute nicht vergleichen. Diese Zahl steht in keinem Meldebogen, und gerade sie bestimmt, wie ernst die Frage aus Apollos Notiz zu nehmen ist.
Handlungsempfehlungen für Treasury, Aktiv-Passiv-Steuerung und Vertrieb
Jetzt: Die Durchschnittsbetrachtung je Produkt verdeckt, wo die Marge sitzt. Täglich fällige Einlagen nach Saldoklassen, Gehaltseingang und Produktnutzung aufteilen und für jede Gruppe die beobachtete Zinsreagibilität ermitteln. Die Studienlage legt nahe, dass kleine Salden beweglich und große träge sind. Ob das für das eigene Haus gilt, zeigen nur die eigenen Daten.
Nächster Modellzyklus: Die zehnjährige Stützperiode enthält keinen Agenten. Ergänzend zur historischen Schätzung ein Szenario rechnen, in dem ein Teil der Sicht- und Tagesgeldsalden mit der Reagibilität aktiver Zinsvergleicher reagiert, und die Wirkung auf Kernanteil, Laufzeitbänder, Barwert des Eigenkapitals und Nettozinsertrag ausweisen. Das Szenario zeigt, wie empfindlich das Modell auf diese eine Annahme reagiert.
Planungsrunde 2027: Eine einheitliche Annahme zur Zinsweitergabe unterstellt, dass alle Kunden gleich träge bleiben. Getrennte Betas für Kunden mit Gehaltskonto, für reine Sparkunden und für Kunden, die über Vergleichsplattformen kommen, machen sichtbar, wie viel Ertrag an der Trägheit hängt.
Laufend: Ein Aktionszins über der Einlagenfazilität rechnet sich nur, wenn der Kunde bleibt. Für jede Aktion messen, welcher Anteil des Neugelds nach Ablauf im Haus bleibt und welcher weiterzieht, und die LCR-Einstufung nach Art. 25 (2) für die gewonnenen Einlagen dokumentieren.
Bis zur Anwendung der PSD3: Pauschalsperren halten, solange Agenten über Bildschirm-Logins arbeiten. Für den Zeitpunkt, an dem standardisierte Schnittstellen und Kundenvollmachten verbreitet sind, Berechtigungsstufen, Limits und Haftungsfragen festlegen. Eine Kundenbeziehung, die über eine geregelte Schnittstelle erhalten bleibt, ist auch ein LCR-Argument.
Vor dem Produktstart: Ein hauseigener Agent hält die Einlage im Haus und genießt die SCA-Ausnahme für Umbuchungen beim selben Institut. Er senkt aber sicher die eigene Einlagenmarge. Die Rechnung gehört vor die Produktentscheidung.
Begriffserklärung
Bodensatz: Der Teil täglich fälliger Einlagen, der trotz jederzeitiger Abrufbarkeit über Jahre bei der Bank bleibt. Er wird im Zinsrisiko des Bankbuchs modelliert und dient als langfristige Refinanzierung.
Deposit Beta: Anteil einer Leitzinsänderung, den eine Bank an ihre Einleger weitergibt. Eine Beta von 0,27 bedeutet, dass von einem Prozentpunkt Leitzinserhöhung 0,27 Prozentpunkte beim Kunden ankommen.
LCR-Abflussrate: Anteil einer Einlagenart, den eine Bank in der Liquidity Coverage Ratio als Abfluss innerhalb eines 30-tägigen Stressszenarios ansetzen muss.
Etablierte Geschäftsbeziehung: Merkmal stabiler Retail-Einlagen nach Art. 24 (2) der LCR-Verordnung, unter anderem ein Vertrag von mindestens zwölf Monaten, ein langfristiger Kredit oder ein weiteres aktives Produkt beim selben Institut.
Aktionszins: Befristeter Zins für neue Kunden oder neues Geld, typischerweise drei bis sechs Monate, danach gilt der Standardzins des Kontos.
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