Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am 13. August 2026 neue Zahlen zur Bargeldverwendung veröffentlicht. 92 Prozent der Unternehmen mit physischen Verkaufsstellen akzeptieren Bargeld, nach 90 Prozent im Jahr 2024. Die Akzeptanz von Karten liegt bei 88 Prozent nach 87 Prozent, und die Annahme mobiler Zahlungen ist von 36 auf 68 Prozent gesprungen. Befragt wurden 8.205 Unternehmen in allen 21 Ländern des Euroraums zwischen Februar und April 2026.

Die Zahlen sind vielfach als Beleg dafür gelesen worden, dass Bargeld ein Comeback erlebt. Sie tragen diese Lesart nicht, und zwar aus drei unabhängigen Gründen. Der erste betrifft die Quelle, der zweite die Messgröße, der dritte den Zeitraum.

In Kürze

Was: Erhebung zur Bargeldverwendung durch Unternehmen im Euroraum, veröffentlicht am 13. August 2026

Basis: 8.205 Unternehmen in 21 Ländern, Feldzeit Februar bis April 2026, durchgeführt von Ipsos European Public Affairs

Zuschnitt: vier konsumnahe Branchen mit mindestens einem Beschäftigten: Einzelhandel, Restaurants und Cafés, Hotels sowie Kunst, Unterhaltung und Freizeit

Gemessen wird: ob ein Unternehmen ein Zahlungsmittel annimmt, nicht wie oft damit gezahlt wird

Nicht enthalten: jeder Bezug zum digitalen Euro. Den stellt die Studie an keiner Stelle her

Erstens: Es ist nicht die Studie, für die sie gehalten wird

Die EZB unterhält mehrere Erhebungsreihen zum Zahlungsverhalten, und sie messen Verschiedenes. Die bekannteste ist die Studie zum Zahlungsverhalten der Verbraucher im Euroraum (Study on the Payment Attitudes of Consumers in the Euro Area, SPACE), zuletzt erschienen im Dezember 2024. Sie befragt Verbraucher und misst, womit tatsächlich bezahlt wird.

Die jetzt veröffentlichten Zahlen stammen aus einer anderen Reihe: der Erhebung zur Bargeldverwendung durch Unternehmen, mit Wellen in den Jahren 2021, 2024 und 2026. Sie befragt Unternehmen und misst die Annahmeseite.

Das ist keine akademische Unterscheidung. Wer die Zahlen der Verbraucherstudie zuschreibt, ordnet sie einer Erhebung zu, die für 2026 gar nicht vorliegt, und legt damit nahe, es handle sich um gemessenes Zahlungsverhalten. Es handelt sich um gemessene Annahmebereitschaft.

Zweitens: Annahme und Nutzung laufen auseinander

Der Bericht formuliert die Messgröße unmissverständlich: „of all companies that receive customer payments at physical locations, 92% accept cash, 88% accept physical cards and 68% accept mobile payments." Gezählt werden Unternehmen, nicht Zahlungen.

Der Unterschied ist erheblich. Aus der Verbraucherstudie 2024 stammen die Zahlen zur tatsächlichen Nutzung am Point of Sale: Bargeld kam auf 52 Prozent der Transaktionen, nach 59 Prozent im Jahr 2022, und auf 39 Prozent des Werts. Karten führen nach Wert mit 45 Prozent. In Deutschland lag der Bargeldanteil bei 51 Prozent der Transaktionen und 26 Prozent des Werts.

Nebeneinandergelegt ergibt sich ein klares Bild: Fast alle Läden nehmen Bargeld, gut die Hälfte der Zahlungen läuft darüber, und der Anteil sinkt. Wer aus den 68 Prozent mobiler Annahme ableitet, zwei Drittel der Zahlungen liefen über das Telefon, hat die Messgröße verwechselt.

Gezählt werden Unternehmen, nicht Zahlungen. Fast alle Läden nehmen Bargeld an, und der Anteil der Barzahlungen sinkt trotzdem. Zur Unterscheidung von Akzeptanz und Nutzung

Drittens: Die Zeitreihe hat drei Punkte

Der Vergleich mit 2024 legt einen Aufwärtstrend nahe. Er verschwindet, sobald die erste Welle dazukommt. Im Jahr 2021 akzeptierten 96 Prozent der Unternehmen Bargeld. Die Erhebung von 2024 stellte dazu fest: „the acceptance of cash has decreased by 8 percentage points (from 96% to 88%)".

Die Reihe lautet also 96 Prozent im Jahr 2021 (alle befragten Unternehmen), 88 bis 90 Prozent im Jahr 2024 (je nach Basis) und 92 Prozent im Jahr 2026 (Unternehmen mit Ladengeschäft). Der aktuelle Wert liegt weiterhin deutlich unter dem Ausgangspunkt. Was auf zwei Punkten wie eine Trendwende aussieht, ist auf drei Punkten eine Teilerholung nach einem Einbruch.

Ein Hinweis zur Vorsicht: Die Werte von 2021 und 2024 in der Achtundachtzig-Prozent-Lesart beziehen sich auf alle befragten Unternehmen, die Werte von 90 und 92 Prozent auf Unternehmen mit physischen Verkaufsstellen. Die Reihen dürfen nicht ungekennzeichnet gemischt werden. Die Richtung ist davon unberührt.

Was die Zahlen tatsächlich zeigen

Jenseits der Fehllesarten enthält die Erhebung Befunde, die für die Praxis interessanter sind als die Schlagzeile.

Die Spreizung zwischen den Ländern ist groß und bewegt sich. In Griechenland und Italien nehmen 99 Prozent der Unternehmen Bargeld, in Belgien 81 und in Zypern 76 Prozent. Zypern und die Slowakei legten gegenüber 2024 um je neun Prozentpunkte zu, Belgien verlor zehn und Irland neun. Für den Belgien-Rückgang gegen den allgemeinen Trend nennt die Erhebung keine Erklärung.

Die Selbstbedienungskasse ist der stille Treiber. 13 Prozent der Unternehmen betreiben solche Kassen, aber nur 52 Prozent von ihnen nehmen dort Bargeld an. Die EZB warnt im Fazit ausdrücklich vor der Folge: „even though most companies accept cash and say that they do so, among consumers the perceived acceptance of cash may go down because companies have reduced the ease of paying with cash." Die gemessene Annahme bleibt hoch, die gefühlte sinkt.

Kryptowerte spielen im Ladengeschäft keine Rolle. Von den Unternehmen, die überhaupt Online-Zahlungen annehmen, akzeptieren 0,2 Prozent Kryptowerte. Für eine Debatte, die stark von tokenisiertem Geld handelt, ist das eine nüchterne Zahl.

Der Sprung bei mobilen Zahlungen verdient eine Rückfrage. Von 36 auf 68 Prozent in zwei Jahren ist außergewöhnlich, zumal derselbe Wert zwischen 2021 und 2024 nur um sieben Punkte stieg, von 30 auf 37 Prozent. Ein Teil der Differenz erklärt sich aus dem Wechsel der Bezugsgruppe, der Sprung selbst nicht. Wer die Zahl verwendet, sollte den Vorbehalt zur Vergleichbarkeit mitliefern.

Der Bogen zum digitalen Euro, und was er nicht trägt

Das Vorhaben ist weiter fortgeschritten, als die öffentliche Debatte oft nahelegt. Das Europäische Parlament hat seine Position am 9. Juli 2026 festgelegt, der Rat sein Mandat bereits im Dezember 2025. Seit dem 13. Juli 2026 laufen die Verhandlungen zwischen den Organen. Angestrebt sind eine politische Einigung bis Jahresende, eine Erprobung mit 36 Zahlungsdienstleistern ab September 2027 und ein Start im Jahr 2029. Offen sind die Haltegrenzen, die Vergütung der Banken und die Frage, ob Händler zur Annahme verpflichtet werden.

Für die Begründung des Vorhabens sind die neuen Zahlen unbequem. Das Argument, ein digitales Zentralbankgeld werde gebraucht, weil Bargeld aus dem Alltag verschwinde, wird durch steigende Annahmebereitschaft nicht stärker.

Die EZB hat ihre Begründung allerdings längst verschoben, und zwar bevor diese Zahlen vorlagen. Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, sprach am 1. April 2026 in Riga über Widerstandsfähigkeit und Eigenständigkeit im Zahlungsverkehr und formulierte dort: „As payments are vital to daily life and the economy, the mere threat of disconnecting payment systems could give others leverage over Europe." Das Argument lautet Abhängigkeit von wenigen aussereuropäischen Anbietern, nicht Verschwinden des Bargelds. Der zeitliche Abstand von gut vier Monaten schließt aus, dass die Verschiebung eine Reaktion auf diese Erhebung ist. Die Zahlen liefern nachträglich den Grund, warum die ältere Begründung nicht mehr zu halten war.

Erwähnenswert ist, dass die Erhebung selbst diesen Bogen nicht schlägt. Sie stellt an keiner Stelle einen Bezug zum digitalen Euro her. Die Verbindung entsteht in dieser Einordnung, nicht in der Erhebung.

Die Gegenseite

Die Kritik der europäischen Kreditwirtschaft richtet sich weniger gegen das Ziel als gegen den Weg. Daniel Baal, Präsident der Fédération Bancaire Française und der Confédération Nationale du Crédit Mutuel, erklärte am 15. April 2026 in Brüssel, der digitale Euro „dans sa conception actuelle, ne répond pas à l'enjeu de souveraineté des paiements et est paradoxal à plus d'un titre". Er beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf allein für europäische Banken auf 18 Milliarden Euro und verweist auf Mittel, die den Bankbilanzen entzogen würden.

Martina Weimert, CEO der europäischen Zahlungsinitiative Wero, sieht in einer Annahmepflicht für Händler eine „distortion of competition" zwischen öffentlichem und privatem Zahlungsmittel.

Beide Einwände kommen von Beteiligten mit eigenem Interesse an der Antwort. Das entwertet sie nicht, ordnet sie aber ein.

Handlungsempfehlungen

1. In der eigenen Kommunikation Akzeptanz und Nutzung trennen

Sofort: Die 92 und die 68 Prozent sind Annahmequoten von Unternehmen; die 52 Prozent Bargeldanteil stammen dagegen aus einer Verbraucherstudie zwei Jahre zuvor. Wer die Zahlen in Präsentationen oder Kundenmaterial nebeneinanderstellt, sollte die Messgröße jeweils dazuschreiben. Der Fehler ist verbreitet und fällt Fachlesern sofort auf.

2. Die Bargeldstrategie an der Selbstbedienungskasse prüfen

Diesen Monat: Nur gut die Hälfte der Selbstbedienungskassen nimmt Bargeld an. Wer Handelskunden mit Kassensystemen betreut, hat hier einen konkreten Ansatzpunkt: Die gemessene Annahme des Händlers und die vom Kunden erlebte Annahme fallen an genau dieser Stelle auseinander.

3. Die Vorbereitung auf den digitalen Euro am Trilog ausrichten, nicht an Bargeldzahlen

Bis Jahresende: Was für Banken teuer wird, entscheidet sich an den Haltegrenzen, am Vergütungsmodell und an der Annahmepflicht. Alle drei sind derzeit Verhandlungsgegenstand. Ein Vorbereitungsprogramm sollte an diesen drei Stellschrauben hängen und nicht an der Frage, wie schnell Bargeld zurückgeht.

4. Die eigene Länderspreizung gegen die Erhebung halten

In der Planung: Zwischen 76 Prozent in Zypern und 99 Prozent in Griechenland liegen 23 Prozentpunkte, und die Bewegung zwischen den Wellen erreicht zweistellige Werte. Wer Zahlungsverkehr für mehrere Euro-Länder verantwortet, sollte länderweise planen. Ein Durchschnitt für den Euroraum bildet keinen einzigen Markt korrekt ab.

Christian Schablitzki

Christian Schablitzki

Strategy & Management Consultant · Agentic-AI-Experte für Finanzinstitute

Über 20 Jahre in Investmentbanking und Derivatehandel, anschließend mehr als 10 Jahre als Berater für Finanzinstitute. Aktuell Partner bei Infosys Consulting in Deutschland. Zertifiziert in Google AI, Generative AI Leader (Google Cloud) und IBM RAG and Agentic AI.

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