Wer in einer europäischen Bank Anleihen, Zinsderivate, Equity-Derivate, Devisen oder strukturierte Produkte handelt, hat einen Kalendereintrag, den die Treasury im Hinterkopf trägt, der aber für den Trading-Desk schnell konkret wird: Am 1. Januar 2027 stellt die Bank ihre Eigenkapitalrechnung für das Handelsbuch auf eine neue Methodik um. Die Belastung steigt – je nach Geschäft moderat, je nach Geschäft drastisch. Die EU-Kommission hat am 22. April 2026 einen Entwurf in Konsultation gegeben, der diese Belastung über drei Jahre wieder herunterrechnet. Die Konsultation endete am 19. Mai 2026; die formale Verabschiedung steht aus. Worum es geht, was die Erleichterung konkret an Kapital spart und was Sales und Trading jetzt verstehen sollten, beschreibt dieser Artikel.
Was ändert sich: Marktrisiko-Eigenkapital für das Handelsbuch wird ab 1. Januar 2027 nach Fundamental Review of the Trading Book (FRTB) berechnet, nicht mehr nach den Basel-2.5-Regeln von 2011
Wirkung ohne Erleichterung: Im Schnitt rund 30 % mehr Marktrisiko-Eigenkapital, bei trading-intensiven Banken bis zu Faktor 2 bis 2,8 mehr Risk-Weighted Assets im Standardansatz
EU-Antwort: Entwurf eines Delegierten Rechtsakts (22. April 2026, Konsultation bis 19. Mai 2026) mit Erleichterung 2027 bis 2029
Status: Konsultation abgeschlossen, formale Verabschiedung angekündigt, Veröffentlichung im EU-Amtsblatt steht aus
Hintergrund: USA und Großbritannien setzen FRTB langsamer oder partiell um – ohne Erleichterung trügen europäische Wertpapierhändler einen Eigenkapital-Aufschlag, den ihre US- und britische Konkurrenz nicht hat
1 · Worum es geht – in fünf Sätzen
Banken müssen für jedes Handelsgeschäft Eigenkapital vorhalten. Wie viel sie vorhalten müssen, ergibt sich aus einer regulatorischen Rechenvorschrift. Die alte Vorschrift ist veraltet und vielen Beobachtern zu schwach – die neue Vorschrift, FRTB genannt, kommt in Europa zum 1. Januar 2027. Sie verlangt deutlich mehr Eigenkapital für dieselben Handelsgeschäfte. Weil USA und Großbritannien FRTB nicht synchron einführen, baut die EU-Kommission für die Jahre 2027 bis 2029 eine Erleichterung ein, die diesen Mehrbedarf bankindividuell wieder herunterrechnet – damit europäische Banken ihre Sales- und Trading-Mandate im internationalen Wettbewerb halten können.
2 · FRTB in einem Absatz
FRTB steht für Fundamental Review of the Trading Book – auf Deutsch: Grundlegende Überarbeitung des Handelsbuch-Rahmens. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht hat den Rahmen 2019 final beschlossen, in der EU ist er als Teil der Capital Requirements Regulation 3 (CRR3) verankert. Drei Dinge ändern sich gegenüber der heutigen Welt: Erstens werden Risikofaktoren feiner aufgelöst – statt Standard-Add-ons für ganze Risikoklassen rechnen Banken sensitivitätsbasierte Beiträge pro Risikofaktor. Zweitens wird das Internal Models Approach genannte interne Modell deutlich strenger reglementiert (mehr dazu in Sektion 6). Drittens wird die Grenze zwischen Handelsbuch und Bankbuch verschärft und schwerer reversibel. In Summe: Dasselbe Portfolio, dieselben Risiken – deutlich mehr Eigenkapital. Die Banken-Industrie nennt das »FRTB-Schock«, die Aufsicht nennt es »risikoadäquate Kapitalisierung«. Beide haben Punkte.
3 · Das Problem: Die Wettbewerber rechnen langsamer
FRTB ist ein internationaler Basel-Standard. Das bedeutet: Alle G20-Bankenmärkte haben sich verpflichtet, ihn umzusetzen – aber nicht alle tun das im selben Tempo. In den USA hatte die Federal Reserve im Juli 2023 einen ersten Umsetzungsvorschlag (Notice of Proposed Rulemaking, NPR) publiziert, der die FRTB-Belastung in voller Schärfe enthielt. Dieser Vorschlag ist nie final geworden. Nach dem Regierungswechsel im Januar 2025 hat die Bankenaufsicht den Vorschlag effektiv eingestellt. Am 19. März 2026 haben Federal Reserve, Office of the Comptroller of the Currency (OCC) und Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) gemeinsam einen neuen Vorschlag publiziert – ausdrücklich als »capital-neutral« gerahmt. Die Konsultationsfrist endet am 18. Juni 2026, die Finalisierung wird im vierten Quartal 2026 erwartet. Ein verbindliches FRTB-Anwendungsdatum für US-Banken existiert nicht.
Großbritannien geht einen Mittelweg. Die Prudential Regulation Authority (PRA) der Bank of England hat ihre finalen Regeln im Januar 2026 (Policy Statement PS1/26) veröffentlicht. Der FRTB-Standardansatz gilt in Großbritannien parallel zur EU ab 1. Januar 2027 – der interne Modell-Ansatz (siehe Sektion 6) aber erst ab 1. Januar 2028. Britische Banken mit Modell-Genehmigung tragen also ein Jahr lang weniger Marktrisiko-Eigenkapital als ihre EU-Konkurrenz auf demselben Geschäft. Die PRA begründet die Verzögerung explizit mit der Unsicherheit über die US-Umsetzung.
Für einen europäischen Handelstisch, der gegen JPMorgan in New York und gegen Barclays in London um dieselben Corporate-Kunden, Hedgefonds-Mandate und Market-Making-Volumina kämpft, heißt das: Ohne EU-Erleichterung würde derselbe Trade auf der eigenen Bilanz einen messbaren Eigenkapital-Aufschlag tragen, den die Konkurrenz nicht hat. Das ist der politische Kern des Problems.
4 · Die EU-Antwort – und was sie ausdrücklich nicht ist
Die EU hat FRTB bereits zweimal verschoben – vom ursprünglichen 1. Januar 2025 auf den 1. Januar 2026, dann auf den 1. Januar 2027. Eine dritte Verschiebung ist rechtlich nicht mehr möglich. Die zugrundeliegende Ermächtigung in Artikel 461a der Capital Requirements Regulation (CRR) erlaubt zwei Verschiebungen von je einem Jahr – mehr nicht. Wer auf eine erneute Verschiebung hofft, hofft ins Leere. FRTB kommt am 1. Januar 2027.
Was die Kommission stattdessen tut: Sie nutzt einen zweiten Hebel derselben Ermächtigung. Artikel 461a CRR erlaubt es ihr nicht nur, FRTB zu verschieben, sondern auch »zielgerichtete Anpassungen am Marktrisiko-Rahmen für eine Dauer von bis zu drei Jahren« vorzunehmen – sofern das internationale Level Playing Field gefährdet ist. Genau das ist passiert. FRTB tritt am 1. Januar 2027 wie geplant in Kraft. Banken müssen ab dann ihre Marktrisiko-Eigenkapital-Anforderung nach FRTB rechnen und melden. Aber die so ermittelten Werte werden anschließend mit Multiplikatoren versehen, die sie wieder herunterrechnen – bis Ende 2029.
5 · Wie die Erleichterung mathematisch wirkt
Die Erleichterung besteht aus zwei kombinierten Multiplikatoren. Ein Multiplikator ist mathematisch nichts anderes als eine Zahl, mit der die FRTB-Eigenkapital-Anforderung multipliziert wird, bevor das Ergebnis als bindende Anforderung an die Bank gestellt wird. Wer einen Multiplikator von 0,9 anwendet, behält 90 Prozent der FRTB-Anforderung als bindende Kapital-Anforderung – und entlastet die Bank um 10 Prozent.
Der erste Multiplikator ist bankindividuell. Jede Bank vergleicht zum Stichtag 31. März 2027 die FRTB-Eigenkapital-Anforderung für ihr Handelsbuch mit derselben Anforderung unter den Basel-2.5-Regeln, die heute gelten. Wo FRTB mehr verlangt als Basel 2.5, wird die Differenz durch den bankindividuellen Multiplikator kompensiert. Konkret: Wenn eine Bank unter FRTB 1.000 Millionen Euro Marktrisiko-Eigenkapital halten müsste, unter Basel 2.5 aber nur 600 Millionen Euro, beträgt der Multiplikator 0,6 (= 600/1.000). Die Bank hält dann 600 Millionen statt 1.000 Millionen, der FRTB-Aufschlag ist temporär neutralisiert.
Der zweite Multiplikator ist pauschal: 0,9. Er gilt verpflichtend für alle Banken im Standardansatz und kommt zusätzlich zum bankindividuellen Multiplikator. Beide wirken kumulativ. Eine Bank, deren bankindividueller Multiplikator zum Beispiel 0,75 ist, erreicht durch die Kombination einen effektiven Faktor von 0,75 × 0,9 = 0,675 – sie hält also 67,5 Prozent der FRTB-Anforderung als gebundenes Kapital.
Heute (Basel 2.5): 6,5 Mio. Euro Marktrisiko-Eigenkapital (illustrativ)
Ab 1.1.2027 unter FRTB ohne Erleichterung: 11,7 Mio. Euro Eigenkapital (rund +80 Prozent – in der Größenordnung dessen, was die European Banking Authority für trading-intensive EU-Banken geschätzt hat)
Ab 1.1.2027 unter FRTB mit Erleichterung: Wenn der bankindividuelle Multiplikator den vollen FRTB-Aufschlag kompensiert (also auf den Basel-2.5-Wert von 6,5 Mio. zurückführt), und dann der pauschale 0,9-Multiplikator obendrauf wirkt, bleiben 6,5 × 0,9 = 5,85 Mio. Euro
Lesart für den Trading-Desk: Während der Erleichterungsphase belastet der Trade auf der Bilanz weniger Eigenkapital als heute. Das verbessert die Risk-Adjusted-Return-on-Capital-Rechnung (RAROC) und macht margin-schwache Geschäfte (Government Bonds, Investment-Grade Credit) wieder rentabler – ein Effekt, den die Industrie politisch durchgesetzt hat, aber der Ende 2029 ohne Anschluss-Regelung wegfällt.
6 · Die drei Bonbons für die Modell-Banken
Neben den Multiplikatoren enthält der Rechtsakt drei technische Eingriffe, die ausschließlich Banken betreffen, die unter FRTB den Internal Models Approach (IMA) anwenden. IMA bedeutet: Die Bank rechnet ihr Marktrisiko-Eigenkapital nicht nach einem starren Schema der Aufsicht (das wäre der Standardansatz), sondern mit einem von der Aufsicht genehmigten internen Modell, in das die Bank ihre eigenen Risikomessungen einspeist. Das interne Modell ist üblicherweise kapitaleffizienter – aber unter FRTB so stark reglementiert, dass viele Banken seine Anwendung in Frage gestellt haben.
NMRF: Risikofaktoren ohne Marktdaten
Non-Modellable Risk Factors (NMRF) – auf Deutsch: nicht-modellierbare Risikofaktoren – sind solche Risikofaktoren, für die das interne Modell mangels ausreichender Marktdaten keine eigenständige Schätzung liefern darf. Beispiel: Eine bestimmte 10-Jahres-Credit-Spread-Position auf einen mid-cap-Industriekonzern, dessen Anleihe nur selten gehandelt wird. Das Modell sieht hier nicht genug Datenpunkte, also muss die Bank für diesen Faktor einen NMRF-Aufschlag rechnen – und der ist unter FRTB schmerzhaft hoch. In der Erleichterungsphase wird die NMRF-Anforderung auf 35 bis 45 Prozent ihres regulären Wertes reduziert. Das ist die wichtigste Entlastung für Banken, die mit illiquideren Risiken arbeiten (Credit, Emerging-Markets-Zinsen, Volatilitäts-Produkte).
PLAT: Der Modell-Realitätstest
Profit and Loss Attribution Test (PLAT) prüft, wie gut das interne Modell die tatsächlichen täglichen Handelsergebnisse erklärt. Wenn das Modell zu stark vom tatsächlichen P&L abweicht, scheitert der Test – und die betroffenen Handelstische müssen auf den weniger kapitaleffizienten Standardansatz umsteigen. Das ist für eine Bank potenziell teuer und operativ riskant. In der Erleichterungsphase wird PLAT von einem bindenden Test zu einem reinen Beobachtungs-Instrument zurückgestuft. Ein Scheitern hat während der Phase keine Konsequenzen. Damit lässt sich das interne Modell auch dann weiter nutzen, wenn ein einzelner Handelstisch den Test temporär nicht besteht – was in der Anlaufphase realistischer ist als der saubere Lehrbuch-Fall.
RRAO: Der Bonus für die Strukturierer
Residual Risk Add-On (RRAO) – auf Deutsch: Aufschlag für Restrisiken – ist ein zusätzlicher Eigenkapital-Aufschlag, den FRTB für eine eng definierte Gruppe exotischer Instrumente verlangt: Bermuda-Optionen, Spread-Optionen auf Constant Maturity Swaps, Instrumente mit realisierter Volatilität als Underlying. Die Logik: Diese Produkte tragen Restrisiken, die das normale Risikoschema nicht erfasst. In der Erleichterungsphase wird der RRAO für diese exotischen Underlyings befristet ausgesetzt. Für die wenigen europäischen Häuser, die in diesem Segment relevant sind – Deutsche Bank, BNP Paribas, einige spezialisierte Investmentbanken – kann das die Profitabilität ganzer Geschäftslinien verschieben.
7 · Welche Häuser am stärksten profitieren
Die Erleichterung wirkt nicht für alle Banken gleich. Die Differenzierung ist wichtig, weil sie erklärt, wer die Konsultation politisch getrieben hat und wer in den Verhandlungen über die finale Kalibrierung Druck macht.
Die größten Profiteure sind die drei trading-intensiven Häuser BNP Paribas, Deutsche Bank und Société Générale. Risk.net hat im November 2025 berechnet, dass diese drei unter dem reinen FRTB-Standardansatz Risk-Weighted-Asset-Anstiege vom 2,5- bis 2,8-Fachen des heutigen Basel-2.5-Niveaus tragen würden. BNP Paribas hat das in seiner eigenen Konsultations-Antwort vom 17. Dezember 2025 bestätigt: Die drei am stärksten betroffenen EU-Banken sähen unter FRTB eine Eigenkapital-Anforderung, die im Schnitt mehr als doppelt so hoch ist wie heute. Diese Banken sind die Hauptzielgruppe des bankindividuellen Multiplikators.
Mittelgroße Universalbanken mit moderatem Handelsbuch – Commerzbank, größere Landesbanken – sehen primär den 0,9-Multiplikator und den bankindividuellen Multiplikator, aber kaum Effekte aus NMRF, PLAT oder RRAO. Sie profitieren spürbar, aber nicht überproportional. Häuser mit kleinem Handelsbuch – Sparkassen, Volksbanken, mittelständische Privatbanken – sehen den 0,9-Multiplikator plus die ausdrückliche Erlaubnis, oberhalb der bisherigen Schwelle weiterhin den Simplified Standardised Approach zu nutzen statt den vollen FRTB-Standard. Für sie ist die Erleichterung eine echte Vereinfachung, aber kein Spiel-Veränderer.
8 · Was Industrie und Aufsicht dazu sagen
Die Industrie spricht mit einer ungewöhnlich klaren Stimme. ISDA und die Association for Financial Markets in Europe (AFME) haben am 19. Mai 2026 – dem letzten Konsultationstag – eine gemeinsame Stellungnahme abgegeben, die die duale Multiplikator-Mechanik begrüßt und an zwei Stellen Klärungsbedarf signalisiert. Die European Banking Federation (EBF) hatte einen Monat zuvor eine breitere Linie gefahren und verwiesen, dass die europäische Bankenregulierung gegenüber den Basel-Mindeststandards bis zu 66 Prozent Aufschlag enthält – durch Gold-Plating und überlagernde Anforderungen. Aus Sicht der Industrie ist die FRTB-Erleichterung ein Teilausgleich, nicht ein Geschenk.
Die Aufsichtsseite ist gespalten. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte sich im Frühjahr 2025 gegen eine weitere FRTB-Verschiebung positioniert – mit dem Argument, eine pauschale Verzögerung benachteilige diejenigen Banken, die sich auf den Termin vorbereitet hätten. José Manuel Campa, Chair der European Banking Authority (EBA), hat im August 2025 in einem Interview mit Les Échos eine differenziertere Position formuliert: Eine weitere Verschiebung sei rechtlich möglich, aber er sei ausdrücklich gegen jede Deregulierung. Diese Spannung – Aufsicht skeptisch gegen Erleichterung, Industrie und Kommission auf Wettbewerbsargumenten – bestimmt die Detail-Verhandlungen über die finale Kalibrierung.
9 · Status quo: Was zwischen heute und der Anwendung passiert
Die Konsultation ist abgeschlossen. Der nächste Schritt ist die formale Verabschiedung des Rechtsakts durch die Kommission – intern durch Beschluss des Kommissionskollegiums oder schriftliches Verfahren. Die Kommission hatte den 19. Mai 2026 als Adoptionstermin angekündigt, aber bis zur Veröffentlichung dieses Artikels ist weder eine Pressemitteilung noch ein Dokument im EU-Amtsblatt verfügbar, das die Adoption bestätigt. Das ist verfahrensökonomisch normal – die formale Adoption kann sich um wenige Wochen verzögern, ohne dass die Substanz davon berührt wird.
Nach der formalen Adoption folgt der dreimonatige Scrutiny-Zeitraum: Europäisches Parlament und Rat können Einwände erheben. Bei Delegierten Rechtsakten mit hohem Konsens – und die Multiplikator-Mechanik wird industrieseitig positiv aufgenommen – ist eine Verlängerung dieser Phase oder gar ein Veto extrem unwahrscheinlich. Realistische Erwartung: Veröffentlichung im EU-Amtsblatt im dritten Quartal 2026, In-Kraft-Treten parallel zur FRTB-Anwendung am 1. Januar 2027.
Die EBA muss spätestens am 10. Juli 2026 einen Bericht über die FRTB-Umsetzung in Drittländern (USA, Großbritannien, weitere) vorlegen. Dieser Bericht ist die empirische Grundlage für eine spätere, permanente Legislativ-Initiative der Kommission – ein Hinweis darauf, dass die Drei-Jahres-Erleichterung nicht das Endspiel ist. Wenn die USA bis Ende 2029 ihre Basel-III-Umsetzung finalisiert haben, kann die Erleichterung planmäßig auslaufen. Falls die USA weiter divergieren, kommt eine zweite, dann permanente Anpassung des CRR3-Marktrisikorahmens auf den Tisch – mit dem Risiko, dass die EU vom Basel-Standard dauerhaft abweicht.
10 · Was sich für welche Geschäftsklassen konkret ändert
Die folgende Tabelle ordnet die Wirkung nach Produktklassen, wie ein Trading-Desk sie tatsächlich strukturiert. Sie ist illustrativ – die genaue Bank-individuelle Wirkung hängt vom Portfolio-Mix, vom genutzten Modell-Ansatz und vom Output Floor ab (siehe Sektion 11).
| Geschäftsklasse | FRTB-Wirkung roh | Erleichterung relevant | Netto-Effekt für den Desk |
|---|---|---|---|
| Government Bonds / Rates | Moderater Anstieg (sensitivitätsbasierter Standardansatz strenger als heute) | Beide Multiplikatoren wirken voll | Während Erleichterungsphase profitabler als heute |
| Investment-Grade Credit | Deutlicher Anstieg (Credit Spread Risk strenger gewichtet) | Multiplikatoren plus NMRF-Reduktion für illiquide Emittenten | Lohnender als heute, vor allem im Sekundärmarkt |
| High-Yield / Emerging Markets | Starker Anstieg (NMRF dominiert) | NMRF-Reduktion auf 35 bis 45 Prozent ist der Haupttreiber | Geschäft bleibt erhalten, das ohne Erleichterung gekürzt worden wäre |
| Equity / Equity-Derivate | Moderater bis deutlicher Anstieg | Multiplikatoren wirken, PLAT-Monitoring entlastet IMA-Häuser | Insgesamt etwa neutral bis leicht positiv |
| FX Cash und Forwards | Begrenzter Anstieg (FX-Risiko meist konservativ behandelt) | Multiplikatoren wirken voll | Marktentlastung in Hauptwährungen, eng bemessen in EM-Cross |
| Strukturierte Produkte / Exotic | Starker Anstieg (RRAO und NMRF wirken massiv) | RRAO-Aussetzung für definierte Exotic-Klassen ist der Schlüssel | Geschäftslinien bleiben rentabel, die sonst gestrichen wären |
| Commodities | Deutlicher Anstieg (sensitivitätsbasiert) | Multiplikatoren, kein spezifisches Bonbon | Wettbewerbsnachteil gegenüber US-Häusern bleibt teilweise bestehen |
11 · Der eine offene Punkt – Output Floor
Eine Detail-Frage entscheidet bei vielen Banken, ob die Erleichterung netto wirkt oder im Output Floor wieder versickert. Der Output Floor, ebenfalls Teil von CRR3, setzt eine Untergrenze: Die gesamte Risk-Weighted-Asset-Berechnung einer Bank, die interne Modelle nutzt, darf nicht weniger als 72,5 Prozent dessen ergeben, was die Standardansätze ergeben würden (in Stufen, derzeit 50 Prozent, ansteigend bis 2030). Weil der Output Floor auf den FRTB-Standardansatz-Risikogewichten basiert, wirken FRTB-bedingte Anstiege im Standardansatz indirekt über den Floor auch auf Banken, die intern modellieren.
Die ungelöste Frage: Wirkt der bankindividuelle Multiplikator auch auf die Floor-Berechnung, oder nur auf die Eigenkapital-Anforderung vor Floor-Anwendung? BNP Paribas hat das in seiner Konsultations-Antwort explizit als technischen Klärungsbedarf formuliert, ISDA und AFME haben es in ihrer Mai-Stellungnahme aufgegriffen. Wenn der Multiplikator den Floor nicht erreicht, kann die Erleichterung bei stark Standardansatz-getriebenen Banken weitgehend leerlaufen – weil der Floor das Marktrisiko-Kapital nach oben zieht, bevor der Multiplikator es nach unten korrigiert. Die finale Textversion des Rechtsakts muss diese Frage entscheiden. Banken sollten ihre Eigenkapital-Planung auf beide Varianten vorbereiten.
12 · Was Sales, Trading und Trading-Treasury jetzt tun sollten
Die Erleichterung ist substanziell, aber sie kommt mit Detail-Anforderungen, die sich nicht im letzten Quartal vor dem 1. Januar 2027 nebenbei erledigen lassen. Vier Schritte sind aus Sicht des Handelsbereichs jetzt zentral.
Bis Ende Juli 2026: Der bankindividuelle Multiplikator basiert auf einem Vergleich der Marktrisiko-Eigenkapital-Anforderung unter FRTB versus Basel 2.5 zum Stichtag 31. März 2027. Diese Doppelrechnung muss in der Bank technisch laufen können – das ist Aufgabe der Risikomessungs- und Reporting-Funktion, aber Sales und Trading sollten den geplanten Multiplikator-Wert für ihre Geschäftsbereiche kennen. Sonst lässt sich nicht steuern, welche Geschäfte unter der Erleichterung profitabler werden und welche nicht.
August bis Oktober 2026: Die Risk-Adjusted-Return-on-Capital-Rechnung, mit der Handelsbereiche heute Geschäfte bewerten, verwendet die aktuellen Marktrisiko-Eigenkapital-Anforderungen. Ab 2027 sind diese anders – mit Erleichterung anders als ohne. Wer seine RAROC-Logik nicht jetzt anpasst, allokiert Kapital im Geschäftsjahr 2027 mit veralteten Werten und priorisiert die falschen Trades. Aus Sicht der Geschäftsbereichs-Steuerung ist das die wichtigste Vorbereitung.
Q3 und Q4 2026: Für Häuser, die unter FRTB den internen Modell-Ansatz anwenden wollen, verschieben die drei technischen Erleichterungen die Wirtschaftlichkeit der Modell-Wahl materiell – und zwar für drei Jahre. Das ist Anlass, die Entscheidung pro oder contra IMA für einzelne Handelstische neu zu bewerten. Wer die Modell-Genehmigung erst gar nicht beantragt, weil sie unter reinem FRTB unrentabel wäre, könnte unter der Erleichterung wirtschaftlich anders entscheiden – mit dem Risiko, dass ab 2030 die Wirtschaftlichkeit wieder kippt.
Im Anschluss an die finale Adoption des Rechtsakts: Sobald der finale Text vorliegt und die Output-Floor-Interaktion entschieden ist, muss die Trading-Treasury den Effekt für das eigene Portfolio durchrechnen. Beide Varianten – Multiplikator wirkt auf Floor, Multiplikator wirkt nur darunter – sollten in der Eigenkapital-Planung 2027 bis 2029 simulierbar sein. Wer die Variante erst nach Veröffentlichung im Amtsblatt aufsetzt, verliert vier bis sechs Wochen Vorlauf in einer Planungsphase, die nicht beliebig dehnbar ist.
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