Als die Commerzbank im November 2023 als erste deutsche Universalbank die Kryptoverwahrlizenz der BaFin erhielt, war das noch eine Fußnote im Tagesgeschäft. Zwei Jahre später hat sich das Bild grundlegend verändert: Die Markets-in-Crypto-Assets-Verordnung – kurz MiCA – ist seit dem 30. Dezember 2024 vollständig in Kraft und zwingt den gesamten deutschen Bankensektor, sein Verhältnis zu digitalen Vermögenswerten neu zu definieren. Für Capital Markets, Asset Management und das aufkommende Krypto-Geschäft bedeutet das nichts weniger als einen Paradigmenwechsel.
I. Was MiCA für den Finanzplatz Deutschland verändert
Die MiCA-Verordnung schafft erstmals einen einheitlichen europäischen Rechtsrahmen für Kryptowerte. Was bisher ein Flickenteppich nationaler Regelungen war, wird nun durch harmonisierte Vorschriften zu Lizenzierung, Transparenz und Verbraucherschutz ersetzt. Die Verordnung unterscheidet drei Kategorien von Kryptowerten – E-Geld-Token, vermögenswertreferenzierte Token und Utility Token – und knüpft an jede spezifische Pflichten für die Marktteilnehmer.
Inkrafttreten: 29. Juni 2023
Stablecoin-Regeln (Titel III & IV): anwendbar seit 30. Juni 2024
Vollständige Anwendung (CASP, Marktmissbrauch): 30. Dezember 2024
Deadline: Vollständige Lizenzierung aller CASPs: 2. Juli 2026
Nationale Begleitgesetzgebung (DE): KMAG / FinmadiG
Zuständige Aufsicht (DE / EU): BaFin / ESMA / EBA
EU-weit erteilte CASP-Lizenzen (Mitte 2025): über 400
Für deutsche Banken ist ein Aspekt besonders relevant: Als Kreditinstitute sind sie von der allgemeinen Pflicht, eine eigene CASP-Lizenz (Crypto-Asset Service Provider) zu beantragen, ausgenommen. Stattdessen genügt eine Notifikation bei der BaFin, die spätestens 40 Arbeitstage vor dem Launch neuer Krypto-Dienstleistungen erfolgen muss. Das verschafft ihnen einen entscheidenden Zeitvorteil gegenüber reinen Krypto-Anbietern, die den vollständigen Lizenzierungsprozess durchlaufen müssen.
Das in Deutschland begleitend verabschiedete Kryptomärkteaufsichtsgesetz (KMAG) flankiert die europäische Verordnung auf nationaler Ebene. Zusammen mit dem Finanzmarktdigitalisierungsgesetz (FinmadiG) entsteht ein Regulierungsrahmen, der Banken den Eintritt in den Kryptomarkt so komfortabel wie nie zuvor macht – vorausgesetzt, sie sind bereit, die nötigen Investitionen in Compliance und IT zu leisten.
II. Capital Markets: Tokenisierung als Wachstumstreiber
Die größten strategischen Chancen eröffnet MiCA im Bereich Capital Markets. Durch das sogenannte EU-Passporting können einmal in Deutschland lizenzierte Krypto-Dienstleistungen in der gesamten EU angeboten werden, ohne dass in jedem Mitgliedstaat ein separates Erlaubnisverfahren durchlaufen werden muss. Für Banken mit internationalem Ambitionsniveau ist das ein Türöffner.
Die Deutsche Börse hat mit ihrer Strategie „Horizon 2026" bereits Fakten geschaffen. Über ihre digitale Nachhandelsplattform D7 wickelt die Clearstream-Tochter wöchentlich bis zu 15.000 neue digitale Emissionen ab, das Emissionsvolumen erreichte im Oktober 2024 bereits zehn Milliarden Euro. Die Deutsche Börse Digital Exchange (DBDX) richtet sich gezielt an institutionelle Investoren wie Versicherer, Vermögensverwalter und Banken.
Die Commerzbank setzt auf die Partnerschaft mit Crypto Finance, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Börse Gruppe. Die Verwahrung der Kryptowerte liegt bei der Commerzbank, während Crypto Finance den Handel sicherstellt. Parallel dazu gewinnt die Tokenisierung traditioneller Vermögenswerte an Dynamik. Immobilien, Kunstwerke und andere Real-World-Assets werden über Blockchain-Infrastrukturen handelbar gemacht. Das DLT-Pilotregime der EU schafft dafür einen experimentellen Rahmen. Prognosen zufolge könnte das Tokenisierungsvolumen in Deutschland bis 2030 auf fünf Milliarden Euro wachsen – ein Plus von 300 Prozent gegenüber 2025.
III. Asset Management: Neue Produktwelten und operative Herausforderungen
Für Asset Manager ist MiCA Chance und Bürde zugleich. Erstmals können regulierte Krypto-Produkte in Fondsstrategien integriert werden, ohne in einer rechtlichen Grauzone zu operieren. Tokenisierte Fondsanteile ermöglichen den Handel rund um die Uhr, Echtzeit-Transparenz über Blockchain-Buchführung und deutlich niedrigere Mindestinvestitionsbeträge.
Die DZ Bank, Zentralinstitut der Genossenschaftsbanken, verfolgt hier eine besonders ambitionierte Strategie. Nach der Einführung einer Digitalverwahrplattform für institutionelle Kunden plant sie in Kooperation mit der Börse Stuttgart Digital und dem IT-Dienstleister Atruvia die schrittweise Einbindung von rund 700 Genossenschaftsbanken in den Kryptohandel für Privatanleger.
Volumen tokenisierter Fonds (Anfang 2025): ca. 1,2 Mrd. €
Wachstum gegenüber Vorjahr: +18 %
Prognose 2030: 5 Mrd. € (+300 %)
Mindestinvestition (tokenisiert vs. klassisch): ab 10 € vs. ab 100 €
Staking-Rendite (protokollabhängig): +3 % bis +7 % p.a.
Besonders herausfordernd ist das Zusammenspiel verschiedener Regulierungsregime: MiCA regelt primär öffentlich gehandelte Krypto-Assets, während nichtgehandelte Security Token geschlossener Fonds weiterhin unter das Fondsrecht (AIFMD) und nationale Wertpapiergesetze fallen. Asset Manager müssen also parallel in mehreren Regulierungswelten navigieren. Die Tokenisierung illiquider Private-Market-Anteile erfordert tiefgreifende Anpassungen in Fondsadministration, IT-Architektur und Meldewesen.
IV. Krypto-Verwahrung: Das neue Schlachtfeld der Großbanken
Die Verwahrung digitaler Vermögenswerte entwickelt sich zum zentralen Wettbewerbsfeld. Die Deutsche Bank plant, ihren Custody-Service für Kryptowerte 2026 zu lancieren, und setzt dabei auf eine Zusammenarbeit mit Bitpanda Technology Solutions und dem Schweizer Spezialisten Taurus SA. Das Angebot richtet sich primär an institutionelle Kunden.
Im Rahmen von Singapurs Project Guardian entwickelt die Deutsche Bank zudem Project Dama 2 – ein Layer-2-Ethereum-Netzwerk mit ZKsync-Technologie. Eine Testversion ging im November 2025 an den Start. Parallel kooperiert das Institut seit Oktober 2025 mit der Bullish Exchange für Corporate Banking und Fiat-On/Off-Ramps. Das Signal: Die Deutsche Bank denkt Krypto nicht als isoliertes Produkt, sondern als integralen Bestandteil moderner Finanzinfrastruktur.
Auch die Sparkassen vollziehen eine bemerkenswerte Kehrtwende. Noch 2023 hatten sie sich gegen Krypto-Angebote ausgesprochen. Nun plant die Sparkassen-Finanzgruppe, bis Sommer 2026 den direkten Kryptohandel über die App zu ermöglichen. Die technische Umsetzung liegt bei der DekaBank. Andere Banken wie die Commerzbank oder die DZ Bank arbeiten bereits an eigenen Krypto-Projekten und haben damit einen Vorsprung.
V. Compliance-Kosten und der Kampf um Talente
MiCA bringt nicht nur Chancen, sondern auch erhebliche Kostenbelastungen. Banken, die als Crypto-Asset Service Provider agieren, müssen spezifische interne Kontrollmechanismen einführen, Verfahren zur Risikobewertung implementieren, Liquiditätspuffer vorhalten und Vorkehrungen zur Aufdeckung von Marktmissbrauch treffen. Hinzu kommen verschärfte AML/KYC-Pflichten, die durch die zeitgleich in Kraft getretene Transfer-of-Funds-Regulation (Travel Rule) noch verstärkt werden.
Beratung zu Kryptowerten: 50.000 €
Verwahrung & Handel: 125.000 €
Betrieb einer Handelsplattform: 150.000 €
Der Digital Operational Resilience Act (DORA), der seit Januar 2025 auch für MiCA-lizenzierte Krypto-Unternehmen gilt, verschärft die Anforderungen an IT-Sicherheit und operationelle Resilienz zusätzlich. Schwerwiegende IT-Vorfälle müssen der Aufsicht umgehend gemeldet werden, inklusive Ursachenanalyse und Behebungsplänen. Parallel dazu kämpfen Banken um eine knappe Ressource: Fachkräfte, die sowohl traditionelle Finanzregulierung als auch Blockchain-Technologie verstehen.
VI. Europa versus USA: Ein regulatorischer Wettlauf
MiCA positioniert Europa als globalen Regulierungspionier – doch nicht ohne Risiko. Während die EU auf einen sicherheitsorientierten Kurs setzt, verfolgen die USA unter der Trump-Administration einen dezidiert deregulierungsfreundlichen Ansatz. Die strategische Bitcoin-Reserve der US-Regierung und die deutlich offenere Haltung gegenüber Krypto-Innovationen könnten Kapital und Talente über den Atlantik ziehen.
Deutschland versucht, sich als Brücke zwischen Regulierung und Innovation zu positionieren. Die frühzeitige Erlaubnis für Banken, Kryptoverwahrgeschäfte anzubieten (seit 2020), die Einführung elektronischer Wertpapiere über das eWpG und nun die ambitionierte Umsetzung von MiCA verschaffen dem Finanzplatz Frankfurt einen Erfahrungsvorsprung innerhalb Europas. Bis Mitte 2025 wurden EU-weit über 400 CASP-Lizenzen erteilt, wobei Deutschland neben den Niederlanden und Luxemburg zu den aktivsten Lizenzierungsstandorten gehört. Die Gefahr einer Überregulierung bleibt dennoch real. Wenn die Compliance-Kosten den Innovationsgewinn auffressen, könnte das alte Klischee bestätigt werden: Die USA innovieren, Europa reguliert.
Handlungsempfehlung: Was deutsche Banken jetzt tun müssen
Die Frist drängt. Bis zum 2. Juli 2026 müssen alle Krypto-Dienstleister in der EU eine vollständige MiCA-Erlaubnis besitzen. Für Banken, die bisher noch keine Krypto-Strategie formuliert haben, wird das Zeitfenster eng. Konkret empfiehlt sich ein Vorgehen in fünf Schritten:
Jede Bank muss entscheiden, welche Rolle sie im Krypto-Ökosystem einnehmen will – als reiner Verwahrer, als Handelsplattform, als Tokenisierungs-Emittent oder als Full-Service-Anbieter. Die Entscheidung bestimmt das erforderliche Investitionsvolumen und den regulatorischen Aufwand.
Die BaFin hat im Rahmen des vereinfachten Verfahrens nach Art. 143(6) MiCAR eine detaillierte Vergleichsanalyse zwischen den MiCA-Anforderungen und den bisherigen KWG-Pflichten durchgeführt. Banken sollten diese als Grundlage nutzen, um eigene Lücken in Compliance, IT-Infrastruktur und Governance zu identifizieren.
Die Beispiele von Commerzbank/Crypto Finance und Deutsche Bank/Bitpanda zeigen: Kaum eine Bank wird die gesamte Krypto-Wertschöpfungskette allein abdecken. Strategische Kooperationen mit Technologieanbietern, Verwahrspezialisten und Blockchain-Infrastrukturdienstleistern sind erfolgskritisch.
Regulatorische Expertise allein genügt nicht. Banken brauchen Fachleute, die Distributed-Ledger-Technologie, Smart-Contract-Architektur und die Schnittstellen zu bestehenden Bankensystemen verstehen. Investitionen in Weiterbildung und gezielte Rekrutierung müssen jetzt beginnen.
Wer in Deutschland eine MiCA-konforme Infrastruktur aufbaut, kann diese über das Passporting-Regime in der gesamten EU skalieren. Der einheitliche Rechtsrahmen macht Deutschland zum idealen Ausgangspunkt für eine europaweite Krypto-Strategie.