Am Mittwoch lief in der Pekinger Eisschnelllaufhalle ein Roboter die hundert Meter in 8,64 Sekunden. Usain Bolt brauchte 2009 in Berlin 9,58 Sekunden. Unmittelbar nach der Ziellinie krachte die Maschine ungebremst in eine blaue Schutzmatte, Funken stoben aus dem Rumpf, Ordner rannten mit Feuerlöschern heran und sprühten den am Boden liegenden Roboter ab. Anschließend wurde er auf einer Trage hinausgeschafft, wie fast alle Läufer dieses Finales.
In den sozialen Netzwerken kursiert seither die zweite Hälfte dieser Szene. Die erste Hälfte, jene 8,64 Sekunden, ist dort weitgehend unbekannt geblieben, obwohl sie im selben Video steckt und derselben Maschine gehört. Der Roboter, über den gelacht wird, hat gewonnen.
Ich habe an diesem Wochenende Rüdiger Safranskis „Die Vierte Kränkung“ gelesen, erschienen vier Tage vor der Eröffnung dieser Spiele. Safranski beschreibt darin, wie der Mensch nach Kopernikus, nach Charles Darwin und nach Sigmund Freud nun eine vierte Demütigung (Kränkung) verkraften muss, diesmal an der letzten Stelle, an der er sich noch für einzigartig hielt: dem eigenen Geist.
In dem hörbar lauten Lachen über einen umkippenden Roboter steckt weniger Schadenfreude als vielmehr ein verstecktes Aufatmen.
Aus dem Sturz wurde ein Genre
Was in den Tagen danach durch die sozialen Medien lief, war eine eigene Gattung. Gizmodo stellte die dreizehn schönsten Fehlfunktionen zusammen, vom Gewichtheber, der in den Kampfrichtertisch kippt, über den Hochspringer, dem sich der Kopf löst, bis zum Tanzroboter, dem die Kommentatoren Trunkenheit attestierten. Ein australischer Sender produzierte daraus ein Segment mit dem Titel „Best AI Robot Fails“. Der Mirror sammelte „hilarious robot fails“, Kotaku widmete dem brennenden Hinterteil einer Maschine eine Überschrift, die Times of India ließ einen Roboter an der Schutzwand sterben, in Anführungszeichen immerhin. Instagram führt das Material unter „Bot bloopers“.
Für die 8,64 Sekunden reichte eine Agenturmeldung in der Tagesschau.
Geschnitten, sortiert, gerankt, betextet und vertont wurde der Sturz. Die Zeit wurde abgeschrieben. Menschliche Sorgfalt floss in dieses Material durchaus, und sie floss in die Sekunden, in denen die Maschine am Boden liegt.
Man kann das als gesunden Reflex verbuchen, als Immunreaktion gegen die Dauerbeschallung mit Superlativen aus dem Silicon Valley und aus Shenzhen. Wer seit drei Jahren hört, dass jede neue Modellgeneration alles verändert, darf beim Anblick eines Humanoiden, der in eine Schaumstoffwand torkelt, ein gewisses Vergnügen empfinden. Skepsis gegenüber inszenierter Technik gehört zur Grundausstattung eines aufgeklärten Publikums.
Nur ist Skepsis eine Haltung, die Fragen stellt. Was hier zu besichtigen war, stellte aber keine Fragen. Niemand wollte wissen, warum die Maschine nicht bremst. Die Antwort wäre verfügbar gewesen und hätte den Witz beschädigt. Der zweitplatzierte Roboter Lightning des Herstellers Honor lief den Pekinger Halbmarathon im April noch mit fünfundneunzig Zentimeter langen Beinen. Für den Sprint bekam er Beine von einem Meter fünf, zehn Zentimeter mehr, wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete. Das verbessert die Beschleunigung und verschlechtert die Kontrolle beim Abbremsen. Jemand hat abgewogen und sich für die Beschleunigung entschieden, in dem vollen Bewusstsein, dass am Ende der Bahn eine Matte stehen muss.
Ein Prototyp ist ein Kostenvoranschlag auf eine Erkenntnis
Wer sich über die Matte lustig macht, hat eine verschobene Vorstellung davon, wie Produktentwicklung auszusehen hat: Man baut ein Gerät, bis es fertig ist, und dann zeigt man es her. Nach dieser Vorstellung ist ein Roboter, der ungebremst in eine Wand läuft, ein unfertiges Gerät, das man verfrüht hergezeigt hat.
In Peking wurde nach der anderen Vorstellung gearbeitet. Dort stand kein Produkt auf der Bahn, sondern eine Hypothese: Wie schnell kann ein zweibeiniger Körper mit dieser Aktuatorik werden, bevor die Regelung die Balance verliert. Um diese Frage zu beantworten, braucht es keinen Bremsmechanismus. Es braucht hundert Meter Bahn, eine Zeitnahme und die Bereitschaft, das Ergebnis auch dann mitzunehmen, wenn die Maschine hinterher auf einer Trage liegt. Was aussieht wie ein Versagen am Ziel, ist eine von Anfang an ausgelassene Funktion, und somit per Definition ein mustergültiges Minimum Viable Product (MVP).
Über die Kosten dieser Haltung lässt sich reden, und sie fallen kleiner aus, als der Anblick vermuten lässt. Die Bank of America veranschlagt die Materialkosten eines typischen Humanoiden auf rund 35.000 Dollar, gut die Hälfte davon entfällt auf die Aktuatoren. Unitree stellt seinen G1 für 13.500 Dollar ins Schaufenster, den H2 für 29.900. Ein zerstörter Prototyp kostet damit ungefähr so viel wie ein Dienstwagen der unteren Kategorie, den in deutschen Häusern niemand für eine gewagte Investition hält.
Lorenzo Masia von der Technischen Universität München hat für das verwandte Format des Roboter-Halbmarathons beschrieben, wozu solche Veranstaltungen taugen: Sie zwingen die Entwickler, sich mit Batterieleistung, der Haltbarkeit motorischer Antriebseinheiten, Echtzeitsteuerung und Fehlertoleranz zu befassen. Das sind genau die Engpässe, die im Labor niemand findet, weil im Labor niemand vierzig Minuten am Stück läuft. Ein Stresstest bringt Erkenntnis in dem Maß, in dem er Material beschädigt.
Zwischen dem ersten und dem zweiten Lauf lagen bei Tiangong Ultra 9,39 und 8,86 Sekunden, zwischen dem zweiten und dem Finale 8,86 und 8,64. Drei Messpunkte in fünf Tagen, öffentlich, mit Zeugen. Über das Messverfahren ist nichts veröffentlicht, dazu gleich mehr, und der erste dieser Werte fiel bei der Eröffnungsfeier. Gesendet wurde trotzdem alles, auch jeder Sturz. In Europa hätte diese Erkenntniskette in einem Prüfstand stattgefunden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit einem Abschlussbericht im Quartal darauf. Die Zahlen wären dieselben gewesen. Gelacht hätte niemand, gesehen hätte es auch niemand.
Was ein Jahr ausmacht
Bei der ersten Ausgabe dieser Spiele im August 2025 gewann Tiangong den 100-Meter-Wettkampf in 21,50 Sekunden. Zwölf Monate später steht am Ende desselben Wettbewerbs eine 8,64. Das ist Faktor 2,5, gemessen auf derselben Distanz, im selben Format, vom selben Entwicklerhaus. Beim Pekinger Roboter-Halbmarathon, der im April in seine zweite Runde ging, verlief die Kurve ähnlich: 2025 brauchte der Sieger zwei Stunden und vierzig Minuten und folgte dabei einem Menschen, der ihm mit einem Signalgerät auf dem Rücken voranlief. 2026 gewann eine autonom laufende Maschine in fünfzig Minuten und sechsundzwanzig Sekunden. Die schnellste Zeit des Feldes lag noch darunter, bei achtundvierzig Minuten und neunzehn Sekunden, sie gehörte allerdings einer ferngesteuerten Maschine und bekam nach dem Reglement einen Zuschlag.
Das Umfeld wuchs im selben Takt. Aus 280 Teams wurden 666, aus gut 500 Robotern 2.056, aus 26 Disziplinen 51. Wie schnell sich in diesem Feld die Rangfolge dreht, lässt sich an Unitree ablesen, dem bekanntesten chinesischen Hersteller. 2025 gewann das Unternehmen auf der Bahn vier Goldmedaillen, darunter die 1.500 Meter in 6:34,40. 2026 kam sein Roboter im Vorlauf über 12,41 Sekunden nicht hinaus und hatte bis zum 23. August keine Medaille auf der Bahn geholt. Auf der Sprintstrecke geben inzwischen X-Humanoid und Honor den Takt vor, zwei Häuser, die im Vorjahr dort keine Rolle spielten.
Gegen diese Lesart steht ein Einwand, den die Neue Zürcher Zeitung am 23. August in einem Kommentar auf den Punkt gebracht hat: Die Roboterrekorde in Peking seien vor allem eines, eine gute Show, echte Innovation sehe anders aus. Der Einwand hat Gewicht. Die 9,39 Sekunden des Eröffnungstages fielen bei einer Eröffnungsfeier und nicht in einem Rennen. Die 9,32 Sekunden des Herausforderers Honor stammen aus einem Testlauf, über den ausschließlich das chinesische Staatsfernsehen berichtete, während dieselbe Maschine im offiziellen Finale 9,47 lief. Kein Verband hat diese Zeiten zertifiziert, über Startprozedur, Zeitnahme und Windmessung ist nichts veröffentlicht. Robert Katzschmann und Thomas Buchner von der ETH Zürich haben in derselben Zeitung daran erinnert, wie weit der Weg zu einer vielseitig einsetzbaren Maschine noch ist.
Wer eine Show inszeniert, entscheidet allerdings, was zu sehen ist. In Peking war das Scheitern zu sehen, aus mehreren Kameras, in Zeitlupe, fünf Tage lang. Ein Regisseur, dem es um das Bild der Überlegenheit ginge, hätte den brennenden Sieger herausgeschnitten. Wer die Reihe für gestellt hält, muss erklären, warum die Inszenierung jedes Jahr einen niedrigeren Wert braucht als im Vorjahr und warum sie sich dabei filmen lässt, wie sie scheitert.
Wer aus Deutschland auf diese Spiele blickt, muss dabei nicht bei null anfangen. Neura Robotics aus Metzingen hat im Juni bis zu 1,4 Milliarden Dollar eingesammelt, die größte Einzelfinanzierung eines Full-Stack-Robotikunternehmens in Europa, bei rund sieben Milliarden Bewertung. Angeführt wurde die Runde von Tether, dem größten Emittenten von Stablecoins, im Konsortium mit Nvidia, Qualcomm, Amazon, Bosch, Schaeffler und der Europäischen Investitionsbank. Über den Zustand europäischer Kapitalbeschaffung sagt diese Aufstellung so viel wie über die Robotik. Das Unternehmen hat seine Fertigung 2024 von China nach Deutschland zurückgeholt und will in diesem Jahr 6.000 humanoide Roboter bauen. Bei der Roboterdichte im verarbeitenden Gewerbe liegt Deutschland mit 449 Anlagen je 10.000 Beschäftigten weltweit auf Rang drei. China steht in derselben Statistik bei 166, und diese Zahl verdient eine Fußnote: Im Bericht des Vorjahres lag China bei 470 und damit vor Deutschland. Abgebaut wurde in der Zwischenzeit kein einziger Roboter. Das chinesische Statistikamt hatte lediglich neu erhoben, wie viele Menschen im Land arbeiten, und die Kennzahl setzt die Roboter zu genau dieser Zahl ins Verhältnis. In Stückzahlen gerechnet betreibt China mit rund zwei Millionen Industrierobotern den größten Bestand der Welt und nahm 2024 mit 295.000 Installationen 54 Prozent des Weltmarkts ab. Das ist mehr, als in Deutschland insgesamt steht.
Und diese 449 messen ohnehin eine andere Disziplin. Ein Industrieroboter ist ein sehr präziser Arm in einem Käfig, der dieselbe Bewegung millionenfach wiederholt und dabei genau weiß, wo das Werkstück liegt. Was in Peking über die Bahn lief, hat den Käfig verlassen. In dieser zweiten Disziplin stammten im ersten Halbjahr 2026 nach Branchenzahlen rund 97 Prozent aller weltweit ausgelieferten humanoiden Roboter aus China. Das amerikanische Unternehmen Figure AI wurde im September 2025 mit 39 Milliarden Dollar bewertet, ein Vielfaches dessen, was europäische Anbieter zusammen auf die Waage bringen. Deutschland ist Weltspitze in einer Disziplin, die nicht mehr allein den Maßstab setzt.
Die vierte Kränkung
Sigmund Freud hat 1917 einen kurzen Aufsatz veröffentlicht, in dem er die Wissenschaftsgeschichte als eine Folge von Beleidigungen erzählt. Der Text heißt „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, und er beginnt sein Argument so: „Nach dieser Einleitung möchte ich ausführen, daß der allgemeine Narzißmus, die Eigenliebe der Menschheit, bis jetzt drei schwere Kränkungen von seiten der wissenschaftlichen Forschung erfahren hat.“
Die erste war kosmologisch und trägt den Namen von Nikolaus Kopernikus. Sie nahm der Erde den Platz in der Mitte des Weltalls und machte aus ihr einen Gesteinsbrocken auf einer Umlaufbahn. Die Kirche brauchte bis 1992, um Galileo Galilei zu rehabilitieren, was einen Eindruck davon gibt, wie lange eine Kränkung nachwirken kann. Die zweite war biologisch und gehört Charles Darwin. Sie beendete die Sonderstellung des Menschen in der Schöpfung und stellte ihn in eine Reihe mit dem übrigen Getier. Auch hier war die Reaktion nicht Zustimmung, sondern Spott: Zeitgenössische Karikaturen zeigten Darwin mit Affenkörper, was den Vorzug hatte, dass man über seine These lachen konnte, statt sie zu prüfen.
Die dritte Kränkung schrieb Freud sich selbst zu, mit einer Selbstverständlichkeit, die man bewundern muss. Sie ist psychologisch und besteht in dem Nachweis, „dass das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus“. Der Mensch hatte im Kosmos seinen Platz verloren und in der Natur seinen Rang, aber wenigstens den eigenen Kopf glaubte er noch zu regieren. Freud nahm ihm auch das.
Was danach übrig blieb, war der Geist als letzter Besitzstand. Genau dort setzt Rüdiger Safranski an. Sein Essay formuliert die Lage in einem Satz, den sein Verlag auf den Umschlag gesetzt hat: Weil er über einen Geist verfüge, habe der Mensch bis vor kurzem glauben können, etwas Besonderes zu sein, und dass die Künstliche Intelligenz viele Aufgaben besser löse als wir, sei für die Menschheit Versprechen und Kränkung zugleich. Safranski nimmt diese Kränkung ernst und weist sie zugleich in die Schranken. Der Maschine fehle, was den Menschen ausmache: Bewusstsein, Empfindung, Selbstbetrachtung, die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden. Im Gespräch mit dem ORF hat er es so gesagt:
Ob dieser Trost trägt, ist umstritten, und die Einwände kommen von wohlwollender Seite. Angela Gutzeit hat im Deutschlandfunk gewürdigt, wie entschieden Safranski für die Einzigartigkeit des schöpferischen Geistes eintritt, und zugleich bemängelt, dass er die Anschlussfrage offen lässt: wie der gute alte Humanismus die Sache praktisch bewältigen soll. Das ist der wunde Punkt. Eine Verteidigungslinie, die den Rückzug nicht organisiert, ist eine Erklärung, keine Strategie.
Zur Wahrheit gehört außerdem, dass die Ordnungszahl vier bereits vergeben war, mehrfach sogar. Sascha Lobo hat die digitale Kränkung ausgerufen, als sich das Internet vom Freiheits- zum Überwachungsinstrument wandelte. Johannes Rohbeck nennt die technologische Kränkung, Reiner Klingholz die ökologische, und Gerhard Vollmer kommt in der Gesamtabrechnung auf zehn. Die Menschheit muss inzwischen schon so sehr gekränkt sein, dass sie mit dem Nummerieren nicht mehr hinterherkommt.
Wer diese Reihe im Kopf hat, sieht die Videos aus Peking aus anderer Perspektive. Eine Kränkung erzeugt keine Diskussion, sie erzeugt Abwehr, und Abwehr sucht sich Entlastung. Die Entlastung lag in der zweiten Hälfte des Videos, dort, wo die Maschine gegen die Wand fährt, brennt und weggetragen wird. Was dort betrachtet wurde, war das beruhigendste Bild der Woche: Das Ding, das schneller ist als der schnellste Mensch, kann nicht anhalten.
Der Neid ist an dieser Stelle das interessanteste Gefühl, weil er ins Leere zielt. Er findet kein Gegenüber, das ihn bemerkt. Die Maschine freut sich nicht über ihre 8,64 Sekunden, sie hat, um Safranskis Formulierung zu benutzen, kein Innen, in dem ein fremdes Gefühl ankommen könnte. Der Neid fällt deshalb auf den zurück, der ihn empfindet, und er gilt nicht dem Gerät. Es gilt der Zukunft, auf die wir, vertreten durch die Roboter, einen Blick erhaschen durften. Und einer Zukunft kann man ihren Sturz gönnen, ohne befürchten zu müssen, dass sie deswegen ausbleibt.
Die zweite Halbzeit baut einen Körper
Um zu verstehen, warum eine Sportveranstaltung mit stürzenden Maschinen mehr ist als eine Kuriosität, muss man sie neben das stellen, was in den vergangenen drei Jahren in der Wissensarbeit passiert ist. Dort ist die erste Halbzeit weitgehend gelaufen. Sprachmodelle lesen Verträge, entwerfen Kreditvorlagen, fassen Aufsichtsschreiben zusammen, schreiben Code und beantworten Kundenanfragen. Der Internationale Währungsfonds hat das früh vermessen: Kristalina Georgieva schrieb im Januar 2024, Künstliche Intelligenz werde weltweit annähernd 40 Prozent der Arbeitsplätze berühren, in den Industrieländern seien es rund 60 Prozent, weil dort der Anteil kognitiver Tätigkeiten am höchsten ist. Die Zahl bedeutet nicht, dass diese Stellen verschwinden. Sie bedeutet, dass die Tätigkeit sich ändert, und nach der Methodik des Fonds wird etwa die Hälfte der berührten Arbeitsplätze davon negativ betroffen sein, durch Verdrängung, Lohndruck oder veränderte Aufgabenzuschnitte.
Wie das in der Praxis aussieht, misst Erik Brynjolfsson am Digital Economy Lab in Stanford seit zwei Jahren an amerikanischen Gehaltsabrechnungen. Bei Beschäftigten zwischen 22 und 25 Jahren, die in stark exponierten Berufen arbeiten, also in der Softwareentwicklung, im Marketing, im Kundenservice, ist die Beschäftigung gegenüber älteren Kollegen in denselben Berufen zurückgegangen. Dieser Rückstand gegenüber der älteren Vergleichsgruppe wuchs von 13 Prozent auf 15, dann auf 16 und lag im Juni 2026 bei 19. Bemerkenswert ist der Mechanismus: Es wird nicht entlassen, es wird nicht mehr eingestellt. Ein Abbau, der niemandem wehtut, den man sehen kann, weil die Betroffenen den Betrieb nie von innen kennengelernt haben.
Die Autoren betonen selbst, dass sich daraus kein flächendeckender Einbruch ableiten lässt: „There is still no sign of economy-wide job destruction.“ Das ist redlich, und es gibt eine zweite Zahl, die dagegen spricht: Das Weltwirtschaftsforum erwartet bis 2030 weltweit 170 Millionen neue Stellen gegenüber 92 Millionen verdrängten, unter dem Strich also ein Plus von 78 Millionen. Nur trifft dieser Saldo eine Aussage über die Summe, nicht über die Einstiegsposition, um die es hier geht. Das ifo-Institut hat im August 2026 gemeldet, dass deutsche Unternehmen durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz eher sinkende Löhne erwarten. Wer über Verdrängung reden will, muss nicht auf Entlassungswellen warten. Es genügt, die Lohnkurve zu beobachten.
Bis hierher betrifft das die Bürostühle. Was in Peking gebaut wird, ist der Anschluss an alles Übrige. Ein Sprachmodell kann eine Rohrleitung beschreiben, eine Schweißnaht beurteilen und eine Reparaturanleitung verfassen, aber es kann den Schraubenschlüssel nicht halten. Zwischen dem Modell und der Hand liegt ein Problem, das die Fachwelt embodied AI nennt und das sich als die harte Nuss erwiesen hat, die es zu knacken gilt. Ein Text kennt keine Schwerkraft. Ein Körper schon.
Genau dieses Problem wird auf einer Laufbahn bearbeitet. Balance bei knapp zweiundvierzig Stundenkilometern, Regelung in Echtzeit, Aktuatoren, die tausende Lastwechsel überstehen, Batterien, die vierzig Minuten durchhalten, und ein Steuerungssystem, das aus dem Sturz lernt statt daran zu zerbrechen. Es sind dieselben Engpässe, die überwunden sein müssen, bevor eine Maschine eine Werkstatt betritt, ein Lager sortiert oder einem alten Menschen aus dem Bett hilft. Jonathan Hurst, Robotikprofessor in Oregon und zugleich Mitgründer des Humanoid-Herstellers Agility Robotics, hat das zum Abschluss der Spiele so eingeordnet: Der wirkliche Fortschritt werde sich in Lagerhallen und Fabriken zeigen, wo Humanoide stundenlang selbstständig arbeiten und tatsächlichen wirtschaftlichen Wert erzeugen.
Er hat recht, und es ist eine Frage von Jahren, nicht von Jahrzehnten. Die Bank of America erwartet, dass die jährlichen Auslieferungen humanoider Roboter von rund 20.000 Stück im Jahr 2025 auf zehn Millionen im Jahr 2035 steigen. Solche Prognosen sind mit Vorsicht zu lesen. Morgan Stanley kommt für dasselbe Jahr auf dreizehn Millionen Einheiten, Goldman Sachs in einer Schätzung von Anfang 2024 auf 1,4 Millionen. Zwischen der niedrigsten und der höchsten Zahl liegt der Faktor sieben. Goldman Sachs hatte die eigene Prognose zuvor binnen eines Jahres versechsfacht, nachdem die Fertigungskosten schneller fielen als erwartet. Einig sind sie sich in der Richtung und in keiner einzigen Zahl.
Gegen diese Richtung liegen zwei Einwände auf der Hand, und beide haben Gewicht. Der erste ist demografisch: Deutschland fehlen in den kommenden zehn Jahren Millionen Erwerbstätige, hier wird Automatisierung gesucht und nicht gefürchtet. Der zweite ist betriebswirtschaftlich. Heutige humanoide Roboter halten je Ladung ein bis fünf Stunden durch, tragen etwa neun bis vierzehn Kilogramm und brauchen nach ein paar hundert Betriebsstunden einen Eingriff, während ein Industriearm im Käfig fünfzigtausend Stunden läuft. Keine dieser Zahlen trägt den Ersatz menschlicher Arbeit. Sie tragen etwas anderes: den Beginn einer Kurve, deren Steigung wir seit einem Jahr auf einer Laufbahn in Peking ablesen können.
Die Frage, die niemand beantwortet
Angenommen, all das trifft ein. Die Modelle übernehmen die Wissensarbeit, die Maschinen lernen das Greifen, und in fünf oder zehn Jahren steht in der Werkhalle, im Lager und im Pflegeheim ein Gerät, das billiger arbeitet als der Mensch daneben. Dann stellt sich eine Frage, die mit Technik nichts mehr zu tun hat: Wovon lebt der Mensch denn dann? Es lohnt sich, die Antworten derer zu lesen, die diese Geräte bauen.
Elon Musk hat sie im Mai 2024 auf der Pariser Technologiemesse VivaTech gegeben. „In a benign scenario, probably none of us will have a job“, sagte er dort, und weiter: „If you want to do a job that's kinda like a hobby, you can do a job. But otherwise, AI and the robots will provide any goods and services that you want. There will be universal high income, not universal basic income, universal high income. There'll be no shortage of goods or services.“ Die Wahrscheinlichkeit dieses gutartigen Szenarios bezifferte er auf etwa achtzig Prozent, und er stellte im selben Atemzug die Anschlussfrage: „If the computer and robots can do everything better than you, does your life have meaning?“
Im November 2025 wurde er in einem Podcast konkreter: „I think long term, I think money disappears as a concept. Honestly, it's kind of strange. But in a future where anyone can have anything, I think you no longer need money as a database for labor allocation.“ Das ist eine hübsche Formulierung, Geld als Datenbank für die Zuteilung von Arbeit, und sie stammt von einem Mann, der am 24. Juli 2026 auf seiner eigenen Plattform „(Former) Trillionaire“ postete, nachdem sein Vermögen binnen sechs Wochen um rund 750 Milliarden Dollar gefallen war. Drei Tage später startete dieselbe Plattform ihr Bezahlprodukt X Money.
Sam Altman rechnet seit 2021 vor, wie es gehen könnte. In seinem Essay „Moore's Law for Everything“ schlug er einen amerikanischen Beteiligungsfonds vor, der Unternehmen und Grundbesitz besteuert statt Arbeit und den Ertrag direkt an die Bürger ausschüttet, nach seiner Rechnung 13.500 Dollar pro Erwachsenem und Jahr. 2024 dachte er laut über eine Variante nach, die er Universal Basic Compute nannte: Statt Geld bekäme jeder einen Anteil an der Rechenleistung des jeweils besten Modells, den er nutzen, weiterverkaufen oder für die Krebsforschung spenden könnte. Man besitze dann, sagte er, ein Stück der Produktivität.
Am geradlinigsten hat sich Dario Amodei geäußert, der Anthropic führt und damit zu den Anbietern gehört, deren Modelle die beschriebene Verschiebung überhaupt erst ermöglichen. Im Mai 2025 sagte er der Nachrichtenseite Axios, Künstliche Intelligenz könne die Hälfte aller Einstiegspositionen in Büroberufen beseitigen und die Arbeitslosigkeit binnen ein bis fünf Jahren auf zehn bis zwanzig Prozent treiben. Seine Begründung, warum er das öffentlich sagt: „We, as the producers of this technology, have a duty and an obligation to be honest about what is coming.“ Fünfzehn Monate später lag die amerikanische Arbeitslosenquote bei 4,1 Prozent. Die Prognose hat bislang keinen Zwischenstand, der für sie spricht.
Diese Aussagen haben etwas gemeinsam, das beim Lesen leicht übersehen wird. An Vorschlägen fehlt es nicht, Sam Altmans Fonds ist bis zur Bemessungsgrundlage durchgerechnet. Was fehlt, ist jemand, der sie aufnimmt. Ein Grundeinkommen setzt eine Instanz voraus, die es beschließt, finanziert und auszahlt. Ein Beteiligungsfonds braucht ein Steuergesetz. Ein Anteil an Rechenleistung braucht eine Stelle, die ihn zuteilt. Diese Instanz heißt in allen entwickelten Staaten Parlament, und keiner der Vorschläge ist bisher in einem angekommen.
In den Parlamenten selbst ist die Frage seit Jahren verabschiedet worden, im doppelten Wortsinn. Die europäische Verordnung über Künstliche Intelligenz, das ambitionierteste Regelwerk der Welt zu diesem Thema, ordnet Anwendungen nach Risikoklassen, verbietet einige, verpflichtet andere zu Transparenz und Aufsicht. Zur Verteilung der Erträge enthält sie nichts. Kein Wort, keine Klausel, keinen Prüfauftrag.
Dabei war die Debatte schon einmal weiter. Am 16. Februar 2017 stimmte das Europäische Parlament über einen Bericht der luxemburgischen Abgeordneten Mady Delvaux zu zivilrechtlichen Regelungen im Bereich Robotik ab. Der Entwurf enthielt zwei Vorschläge, die heute wie aus einer anderen Zeit klingen: ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Steuer auf Roboterarbeit. Beide Passagen wurden bei der Abstimmung herausgenommen. Übrig blieb die Aufforderung an die Kommission, eine Debatte über neue Beschäftigungsmodelle und die Nachhaltigkeit der Steuer- und Sozialversicherungssysteme zu führen. Mady Delvaux äußerte sich anschließend enttäuscht. Neun Jahre später ist mir kein Ergebnis dieser Debatte bekannt geworden.
Die Idee selbst ist älter und stammt nicht von Sozialpolitikern. Bill Gates hat sie 2017 in einem Interview so begründet: Wenn ein Mensch in einer Fabrik Arbeit im Wert von 50.000 Dollar leiste, werde dieses Einkommen besteuert, mit Lohnsteuer und Sozialabgaben. Komme ein Roboter und tue dasselbe, sollte man ihn in vergleichbarer Höhe besteuern. Südkorea gilt als erstes Land, das steuerlich auf Automatisierung reagiert hat und die Abschreibungsanreize für Automatisierungsinvestitionen gekürzt, was für eine Robotersteuer gehalten wird und keine ist.
In Deutschland taucht Künstliche Intelligenz im aktuellen Koalitionsvertrag als Standort- und Wachstumsthema auf, mit einem eigenen Digitalministerium und Investitionen in Rechenkapazität. Eine Kommission zur Reform des Sozialstaats wurde eingesetzt. Sie befasst sich mit Bürokratieabbau, einheitlichen Einkommensbegriffen und der Zusammenlegung von Leistungen. Eine Verbindung zwischen beiden Vorhaben, also zwischen der geförderten Technologie und dem umzubauenden Sozialsystem, habe ich in den öffentlich zugänglichen Dokumenten nicht gefunden.
Hier meine persönliche Einschätzung zu dem, was in Peking zu sehen war, und zu dem, was in Berlin und Brüssel nicht zu hören ist. Vielleicht tritt nichts davon ein. Vielleicht bleibt die Robotik dreißig Jahre im Vorführmodus, vielleicht erweist sich die Verbindung von Sprachmodell und Körper als das Fusionskraftwerk der Informatik, immer zwanzig Jahre entfernt. Ich hielte das für die freundlichste aller Möglichkeiten, wenngleich nicht unbedingt die wahrscheinlichste…
Die fünfte Kränkung
Vorher lohnt der Blick auf das, was hierzulande gerade geschieht. Nach der Konjunkturumfrage des ifo-Instituts vom Mai 2026 setzen 54,5 Prozent der deutschen Unternehmen Künstliche Intelligenz in Geschäftsprozessen ein, im Jahr zuvor waren es 40,9. Das klingt nach Aufbruch und beschreibt vor allem Verbreitung. Wie es um die Wirkung steht, hat eine viel zitierte, nicht begutachtete Untersuchung der MIT-Initiative NANDA im vergangenen Jahr gemessen: Bei 95 Prozent der betrachteten Unternehmensprojekte mit generativer KI ließ sich binnen etwa sechs Monaten nach Inbetriebnahme keine Wirkung in der Gewinn- und Verlustrechnung nachweisen. Die Autoren führen das ausdrücklich nicht auf schwache Technik zurück, sondern auf die Art, wie in den Häusern eingeführt wird.
Wer diesen Befund ernst nimmt, kommt zu unbequemen Konsequenzen. Ein Pilotprojekt mit einem Datum zu versehen, an dem es entweder in den Betrieb geht oder beendet wird. Die Frage nach dem Ergebnisbeitrag zu stellen, bevor die Lizenz verlängert wird, und die Antwort auszuhalten. Die Prozesse anzufassen statt der Werkzeuge, weil eine Maschine, die einen ungeeigneten Ablauf beschleunigt, nichts weiter tut als das. Und die Beschäftigten, deren Tätigkeit sich ändert, in dieselben Räume zu setzen, in denen über die Änderung entschieden wird, statt ihnen das Ergebnis später mitzuteilen.
Der zweite Adressat ist die Politik, und dort ist die Aufgabe um ein Vielfaches größer. Über die Verteilung der Erträge einer Technologie, die Arbeit ersetzt, wird derzeit in Podcasts gesprochen, auf Technologiemessen und in Artikeln und Blogposts von Unternehmensgründern. Das sind Orte, an denen sich nachdenken lässt, aber leider nichts beschlossen werden kann. Ein Parlament kann beides. Das Europäische hatte 2017 mit dem bedingungslosen Grundeinkommen und der Robotersteuer kurz begonnen, aber beides wieder herausgestimmt.
Die Aufgabenliste ist bekannt, sie ist nur unbearbeitet. Zu klären, wie ein Steuersystem funktioniert, dessen wichtigste Bemessungsgrundlage über Jahrzehnte der Faktor Arbeit war, wenn dieser Faktor anteilig verschwindet. Zu klären, wer die Erträge einer Produktivität besitzt, die aus Kapital und Daten entsteht und nicht aus Beschäftigung. Zu klären, wovon ein Fünfundzwanzigjähriger lebt, der nicht eingestellt wird, weil die Einstiegsposition, in der man diesen Beruf erlernte, nicht mehr existiert. Diese Fragen brauchen keine fertige Antwort. Sie brauchen einen Ort, an dem jemand für die Antwort zuständig ist.
Bleibt der Ausblick, den ich am liebsten nicht schreiben würde, und der lediglich eine Ableitung darstellt, kein Befund. Nikolaus Kopernikus hat dem Menschen die Mitte genommen, Charles Darwin die Sonderstellung, Sigmund Freud die Verfügung über den eigenen Kopf, und Rüdiger Safranski beschreibt gerade, wie ihm der Geist als letzter Beleg der Einzigartigkeit abhandenkommt. Vier Kränkungen und Verluste, vier Abwehrbewegungen, und jedes Mal blieb der Mensch am Ende, was er vorher war: das Wesen, das die Fragen stellt.
Eine fünfte Kränkung käme ohne Wissenschaftler aus, der sie ausspricht, und sie käme selbst dann, wenn alles andere gutginge. Nehmen wir also an, die Verteilungsfrage würde beantwortet, das hohe Grundeinkommen käme, niemand würde Hunger oder Not leiden. Die Kränkung bestünde darin, dass der Mensch seine Sonderstellung behält, sorgsam verwahrt, gut versorgt und vollständig folgenlos. Ein Exemplar hinter Glas, biologischer Beleg dafür, dass es ihn einmal gegeben hat, mit einer Tafel daneben, auf der steht, wozu diese Spezies fähig war, bevor die Geräte übernahmen. Man würde ihn ausgezeichnet behandeln. Es wäre der bestbewertete Zoo der Geschichte.
Damit es dazu nicht kommt, muss niemand eine Maschine aufhalten, wie in dem bekannten Blockbuster-Film „Terminator“. Es genügt, den Fragen einen Ort zu geben, an dem jemand für die Antwort zuständig ist, statt sie von Videos verdecken zu lassen, in denen Roboter gegen eine Wand laufen und kaputt gehen. Über Nikolaus Kopernikus hat man gelacht, über Charles Darwin hat man Karikaturen gezeichnet, in denen er einen Affenkörper trug. Das Lachen hat deshalb die Erde nicht zurück in die Mitte gerückt.
In Peking lief am Mittwoch ein Roboter die hundert Meter in 8,64 Sekunden und krachte danach in eine Wand. Im Jahr davor hatte derselbe Hersteller 21,50 gebraucht. Über den Sturz zu lachen ist erlaubt. Man sollte nur wissen, worüber man lacht, und wie schnell es einem beim nächsten Mal womöglich vergehen wird.
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