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the agentic banker #07

Brüssel verschiebt, die Aufsicht prüft, die Agenten rücken vor

EU AI Act Annex-III-Aufschub auf Dezember 2027, EZB und BaFin werden konkret bei KI-Resilienz, Morgan Stanley öffnet seine Wealth-Plattform für externe KI-Agenten – was in den letzten 14 Tagen wirklich zählt.

Christian Schablitzki · 4. Juni 2026

Highlight

Aufschub mit Auflagen

Drei Bewegungen prägten die vergangenen zwei Wochen, und sie ziehen in entgegengesetzte Richtungen. Brüssel verschiebt die Hochrisiko-Pflichten des EU AI Act für das Credit Scoring auf Dezember 2027. Die Aufsicht wird im selben Atemzug konkret: Frank Elderson (EZB) sprach am 3. Juni über die Stärkung operativer Resilienz „for the age of AI", und die BaFin kündigt gezielte Vor-Ort-Prüfungen wegen erheblicher KI-Risiken an.

Und während Regulierer Fristen verschieben und Prüfpläne schärfen, rücken die Agenten ins Kernsystem vor. Morgan Stanley öffnet eine 1,2-Billionen-Dollar-Wealth-Plattform für externe KI-Agenten – nicht für Menschen, für Maschinen. OpenAI bringt Codex in jede Rolle, Microsoft baut mit eigenen Modellen die Abhängigkeit von OpenAI ab. Der Markt wartet nicht auf die nächste Frist.

Das ist der rote Faden dieser Ausgabe: Der Aufschub ist kein Freibrief. Er verschiebt einen Stichtag, nicht die Verantwortung. Wer die 16 Monate als Pause liest, verliert sie. Wer sie als geordnete Vorbereitung nutzt, geht vorbereitet in die Pflichten – genau dann, wenn die Technologie ins Zentrum der Bank vordringt.

LinkedIn Featured

EU AI Act: Was der Aufschub bis Dezember 2027 wirklich bedeutet

Die Hochrisiko-Pflichten für KI in der Kreditwürdigkeitsprüfung werden um 16 Monate verschoben. Das verschafft Banken und Versicherern Luft – doch der Aufschub setzt die Bestandsaufnahme voraus, nicht aus. Drei Pflichten gelten unverändert ab August 2026, und die Einigung vom 7. Mai ist noch nicht einmal rechtskräftig. Wer aus der vorläufigen Verständigung ein „erst einmal nichts tun" ableitet, optimiert auf die falsche Größe.

Vollständiger Artikel: Was der Aufschub bis Dezember 2027 wirklich bedeutet →

Agentic AI

tools, skills & what's trending

OpenAI News: Codex in jeder Rolle – und auf AWS

OpenAI hat Codex vom Coding-Tool zur Produktivitätsplattform für Wissensarbeiter ausgebaut: neue rollenspezifische Plugins für Analysten, Investoren und Sales sowie „Sites" für interaktive Workspaces. Zeitgleich sind die Frontier-Modelle und Codex allgemein über Amazon Web Services (AWS) verfügbar – mit den Procurement- und Compliance-Kontrollen, die Banken für die interne Zulassung brauchen. Das explizite Investment-Banking-Plugin signalisiert, dass OpenAI Finanzdienstleister als Primärzielgruppe identifiziert hat.

Microsoft Build: eigene Modelle gegen die OpenAI-Abhängigkeit

Auf der Build 2026 kündigte Microsoft eigene generative Modelle (MAI-Familie) als günstigere Alternative zu OpenAI an – flankiert von der Agenten-Strategie rund um das offene NLWeb-Protokoll, das strukturierte Websites direkt für KI-Agenten abfragbar macht (konzeptionell ein HTTP für die Agenten-Ära). Selbst der größte OpenAI-Investor diversifiziert. Für Banken ist das ein deutliches Signal: Enterprise-Beschaffung muss auf Modell-Portabilität und Vendor-Diversifikation ausgelegt sein.

Claude Update: Anthropic Opus 4.8 mit Dynamic Workflows

Claude Opus 4.8 bringt „Dynamic Workflows": orchestrierte Multi-Agenten-Systeme mit bis zu 1.000 Subagenten pro Lauf, dazu einen günstigeren Fast Mode. Noch ein Research Preview, aber eine Grundlage für skalierbare Agentic-Orchestrierung – etwa in der Compliance-Analyse oder der Trade Surveillance, wo parallele Subagenten verschiedene Datenquellen gleichzeitig bearbeiten. Der erste native Schritt von Anthropic in Richtung produktionsnaher Orchestrierung.

Banking & Regulation

was jetzt wirklich zählt

Agenten rücken ins Kernsystem: Morgan Stanley öffnet die Wealth-Plattform

Morgan Stanley bindet externe KI-Agenten von Firmenkunden direkt an seine Aktienadministrations-Plattformen ShareWorks und Equity Edge an – ohne menschliches Login; 3.400 Verwaltungskunden sollen bis Ende 2026 folgen. CNBC vermerkt, dass JPMorgan und Goldman Sachs Agenten bisher nur intern nutzen, etwa in der Code-Entwicklung. Der Schritt verschiebt das Interface von Mensch zu Maschine – und mit ihm die Frage, wer Know-Your-Customer (KYC), Anti-Money-Laundering (AML) und Haftung verantwortet, wenn niemand mehr einloggt.

Die Aufsicht wird konkret bei KI-Resilienz

Frank Elderson (EZB) sprach am 3. Juni über die Stärkung operativer Resilienz „for the age of AI", Isabel Schnabel zog am 1. Juni Lehren von Geldmarktfonds zu Stablecoins. In Deutschland kündigte BaFin-Präsident Mark Branson gezielte Vor-Ort-Prüfungen wegen „erheblicher" KI-Risiken an und legte eine verschärfte Konsultationsfassung der Mindestanforderungen an das Risikomanagement für Wertpapierinstitute (WpI-MaRisk) vor. Der Ton hat sich gedreht: von Guidance zu Prüfpraxis. Wer KI in Scoring, Surveillance oder Reporting einsetzt, sollte die eigene Modell-Governance jetzt prüffest dokumentieren.

Signal & Noise

was Deine Zeit wert ist

  • Gradient Labs sammelt 26 Mio. USD für Banking-KI-Agenten ein – FinTech Global
    CommerzVentures investiert in regulierte Agentic-Infrastruktur (Lending-, Disputes-, KYB-Agenten mit FCA- und AI-Act-Guardrails). 900 Prozent Umsatzwachstum im Jahr – die Nische wird zum Markt.
  • AlphaSense: 350 Mio. USD bei 7,5 Mrd. Bewertung – AlphaSense
    J.P. Morgan Asset Management und Accenture Ventures als Lead-Investoren, Goldman Sachs Alternatives als Bestandsinvestor – führende Banken kaufen sich in Agentic Market Intelligence ein, nicht nur als Anwender.
  • Basel Committee: Bericht zum ICT-Risikomanagement – Bank for International Settlements (BIS)
    Range-of-Practices-Report zu Informations- und Kommunikationstechnologie-Risiken als Kernkomponente des operationellen Risikos. Die Brücke zwischen DORA-Logik und Basel-Aufsicht wird sichtbar.
  • BoE und FCA: gemeinsame Vision für Tokenisierung in UK-Wholesale-Märkten – Bank of England
    Call for Input (18. Mai) für DLT-basiertes Settlement – das britische Pendant zum EU-DLT-Pilot-Regime, mit mehr Rechtssicherheit für tokenisierte Vermögenswerte.
  • Michael Burry: Weder SpaceX noch Anthropic seien 1 Bio. USD wert – Business Insider
    Der „Big Short"-Investor warnt vor der KI-Bewertungsblase. Ein nützliches Korrektiv zwischen all den Up-Rounds dieser Ausgabe – Skepsis gehört zur Due Diligence.

„The real question is not whether machines think but whether men do."

– B. F. Skinner
▸ Quellen dieser Ausgabe
  1. EU AI Act: Was der Aufschub bis Dezember 2027 wirklich bedeutet – Schablitzki Consulting
  2. Codex for every role, tool, and workflow – OpenAI
  3. OpenAI frontier models and Codex are now available on AWS – OpenAI
  4. Microsoft unveils new AI models to lessen reliance on OpenAI – CNBC
  5. Claude Opus 4.8 – Anthropic
  6. AI agents and Morgan Stanley wealth management – CNBC
  7. Frank Elderson: Strengthening operational resilience for the age of AI – European Central Bank
  8. Isabel Schnabel: From money market funds to stablecoins – European Central Bank
  9. Germany's finance watchdog to make targeted inspections amid AI risks – Reuters
  10. New BaFin consultation: revised draft WpI-MaRisk published – Global Financial Regulatory Blog
  11. Gradient Labs raises 26M to build AI agents for banks – FinTech Global
  12. AlphaSense raises 350M at 7.5B valuation – AlphaSense
  13. Basel Committee publishes report on ICT risk management – Bank for International Settlements
  14. FCA and BoE set out shared vision for tokenisation in UK wholesale markets – Bank of England
  15. Michael Burry says neither SpaceX nor Anthropic is worth 1T – Business Insider
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Christian Schablitzki

Christian Schablitzki

Strategy & Management Consultant · Agentic-AI-Experte für Finanzinstitute

Über 20 Jahre in Investmentbanking und Derivatehandel, anschließend mehr als 10 Jahre als Berater für Finanzinstitute. Aktuell Partner bei Infosys Consulting in Deutschland. Zertifiziert in Google AI, Generative AI Leader (Google Cloud) und IBM RAG and Agentic AI.

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