Highlight
Wer etwas verschenkt, hat meistens einen Grund
In den vergangenen zwei Wochen haben drei der großen Anbieter etwas hergegeben. OpenAI senkt den Listenpreis für sein Spitzenmodell GPT-5.6 Sol nach eigenen Angaben um über 20 Prozent, auf 4 US-Dollar je Million Input-Token und 20 US-Dollar je Million Output-Token. Anthropic verlängert die seit dem Frühsommer laufende Anhebung des wöchentlichen Claude-Code-Limits um 50 Prozent ein weiteres Mal. Und Googles Einführungspreis für Gemini 3.7 Flash, aus Ausgabe 12 bekannt, liegt bei 0,75 und 3,75 US-Dollar, bevor er zum Jahreswechsel auf 1,50 und 7,50 steigt. Das sieht nach Preiskampf aus, und die naheliegende Erklärung wäre, dass die Nachfrage nachlässt.
Belastbar ist diese Erklärung nicht, wobei alles, was dagegen spricht, von den Anbietern selbst kommt, zwei davon im Vorfeld eines Börsengangs. Anthropic begründet die eigene Zurückhaltung ausdrücklich mit dem Gegenteil einer Flaute: Man würde die Erhöhung gern dauerhaft machen, aber „strong demand for our models means that capacity may be tight over the coming weeks“. Die annualisierte Umsatzrate des Hauses lag Ende Juli bei 65 Milliarden US-Dollar, nach 47 Milliarden im Mai. Für OpenAI wurden Mitte August über 40 Milliarden berichtet. Und DeepSeek hat am 16. August die Preise sogar erhöht. Wahrscheinlicher als eine Nachfrageschwäche ist Wettbewerbsdruck bei fallenden Inferenzkosten. Sauber trennen lässt sich das von außen ohnehin nicht: Umsatz ist Menge mal Preis, und die Preise sind gerade gefallen.
Es lohnt sich, die drei Bewegungen auseinanderzuhalten, denn nur eine davon ist ein Zugeständnis. OpenAI senkt einen bestehenden Listenpreis und garantiert ihn bis mindestens 21. November. Googles 0,75 ist ein Einführungspreis, der von Anfang an steigen sollte; das Haus rückt also von nichts ab, und der Preis endet am 31. Dezember. Anthropic wiederum hebt nichts an, sondern verlängert zum wiederholten Mal eine Anhebung, die seit dem Frühsommer läuft; nach dem 31. August fallen die Limits laut den eigenen Nutzungsbedingungen auf den Standard des Plans zurück. Was die drei verbindet, ist allein das Ablaufdatum.
Für ein Institut ist die interessantere Zahl ohnehin eine andere. Wer einen Business Case auf die heutigen Stückkosten rechnet, rechnet auf einer Aktion. Und während der Token billiger wird, wird nichts von dem billiger, was den Einsatz in einer beaufsichtigten Umgebung wirklich teuer macht: die Auslagerungsprüfung, die Governance, die Haftung. Wie schnell dieser Unterschied sichtbar wird, zeigt eine Meldung aus München, die weiter unten steht.
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Souveränität ist keine Adresse: Was Mistrals Öffnung für ein chinesisches Modell bedeutet
Mistral öffnet seine Plattform für ein chinesisches Modell, verspricht Inferenz in Europa und lässt die Rechenzentren von Microsoft und Google betreiben. Der Artikel zeigt, dass die europäische Souveränitätsdebatte zwei Fragen verwechselt: wer das Modell gebaut hat und wo die Infrastruktur steht. Beide Antworten können auseinanderfallen, und im Fall von GLM-5.2 auf einem europäischen Endpunkt tun sie es. Der Text rechnet nach, was ein Institut dabei tatsächlich erwirbt, und zählt die 25 Subprozessoren, die Mistral im eigenen Trust Center führt.
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Agentic AI
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Preise: Drei Konditionen auf Zeit
OpenAI senkt GPT-5.6 Sol auf 4 US-Dollar Input und 20 US-Dollar Output je Million Token im Standardkontext, garantiert mindestens bis zum 21. November. Anthropic verlängert die 50-prozentige Anhebung des wöchentlichen Claude-Code-Limits, vorerst bis zum 31. August. Google verkauft Gemini 3.7 Flash für 0,75 und 3,75 US-Dollar, ab dem 1. Januar 2027 sollen es 1,50 und 7,50 sein. In Ausgabe 12 stand dazu eine Korrektur: Der damals kursierende Rabatt von 50 Prozent gehörte einem Wiederverkäufer. Die echte Senkung ist kleiner, kommt vom Hersteller und ist befristet.
Offene Gewichte: Der Druck kommt von unten
Alibaba hat am 12. August die Gewichte von Qwen3.8-Max veröffentlicht, einem Modell mit 2,4 Billionen Parametern, allerdings unter einer eigenen Lizenz; zwei Tage darauf folgte ein Modell mit 27 Milliarden Parametern unter Apache-2.0. Neun Tage später zeigte DeepSeek ein experimentelles multimodales Modell, das seine Agentenfähigkeiten nach eigener Darstellung nahe an Opus 4.8 heranführt. Für ein Institut mit Anforderungen an Datenresidenz ist die zweite Meldung die interessantere: Offene Gewichte lassen sich selbst betreiben, und die Frage nach dem Endpunkt stellt sich dann gar nicht erst.
Use Case: Ein Broker öffnet sein Depot für fremde Agenten
Der Münchner Broker Scalable Capital lässt seit dem 25. August ChatGPT, Claude und Grok über eine CLI und einen Model-Context-Protocol-Server auf Depotfunktionen zugreifen: Kurse, Watchlists, Portfolioanalysen, Sparpläne und Wertpapierorders, die der Anleger vor der Ausführung einzeln bestätigt. Login und Zwei-Faktor-Bestätigung bleiben Pflicht, Ein- und Auszahlungen bleiben Web und App vorbehalten. Die Nutzungsbedingungen sind an einer Stelle unmissverständlich: Die fremden Anwendungen arbeiten „independently and outside Scalable’s control“, und was sie erzeugen, gilt nicht als Anlageberatung und läuft auf Risiko des Anlegers. Das Haus öffnet die Tür und erklärt zugleich, dass ihm der Raum dahinter nicht gehört. Nach eigener Darstellung ist es die erste Bank in Europa, die diesen Schritt geht. Wer für die Ausgabe eines fremden Agenten geradesteht, beantworten die Nutzungsbedingungen selbst: der Anleger.
Banking & Regulation
was jetzt wirklich zählt
Die EZB fragt öffentlich nach der Blase
Fünf Ökonominnen und Ökonomen der EZB haben am 17. August einen Blogbeitrag unter dem Titel „The AI boom: rational enthusiasm or the next dot-com bubble?“ veröffentlicht. Die Antwort lassen sie offen. Wichtiger ist ihre Beobachtung, dass die Antwort für das Risiko ohnehin kaum eine Rolle spielt. Die Bewertung des S&P 500 liegt gemessen am zyklisch bereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE) nahe ihrem historischen Höchststand. Haushalte im Euroraum halten rund 440 Milliarden Euro an US-Technologiewerten, überwiegend über günstige ETFs und, so der Text, „without necessarily being aware of the associated concentration risk“. Der europäische Aktienmarkt selbst ist von der alten Wirtschaft geprägt und zeigt wenig vom Boom, was laut EZB gerade nicht vor Ansteckung schützt. Anders als im Jahr 2000 bleibt diesmal wenig Spielraum, einen Einbruch geldpolitisch oder fiskalisch abzufedern.
Zwei Konsultationen ziehen den Perimeter neu
Die EBA hat am 25. August drei Entwürfe technischer Regulierungsstandards zur Konsultation gestellt. Sie regeln, wie Wertpapierfirmen ab einer Bilanzsumme von 30 Milliarden Euro als Kreditinstitute umqualifiziert werden: Berechnung der Gesamtaktiva nach Art. 8a (6) b CRD, Meldepflichten nach Art. 55 (5) IFR bereits ab 5 Milliarden, Ausnahmekriterien nach Art. 8a (7) CRD. Die Frist läuft bis zum 25. November, die öffentliche Anhörung ist für den 30. September angesetzt. Eine Woche zuvor hatte die ESMA Entwürfe technischer Standards zur jährlichen Meldung von Clearingaktivität bei anerkannten Drittstaaten-CCPs zur Konsultation gestellt, Art. 7d EMIR, Frist 12. Oktober. Beide Vorhaben verschieben keine Schwelle dramatisch, aber beide entscheiden, wer künftig unter welchem Regime gemessen wird.
Signal & Noise
was Deine Zeit wert ist
- Fed beendet das Verfahren gegen die Deutsche Bank nach neun Jahren – Federal Reserve Board. Die Cease-and-Desist-Order vom 20. April 2017 wurde am 13. August aufgehoben; betroffen sind die Deutsche Bank AG in Frankfurt am Main, die DB USA Corporation und die New Yorker Niederlassung. Worum es 2017 ging, nennt die Mitteilung nicht. Sie schließt damit ein Aufsichtskapitel, das über neun Jahre offen stand.
- Die singapurische DBS gibt 1.500 Bankern Kreditagenten an die Hand – DBS. Nach einem Pilot mit 150 Nutzern übernehmen mehrere Agenten über 70 Aufgaben je Kreditmemo und liefern einen prüfungsfertigen ersten Entwurf. Bis zu 40 Prozent der Zeit eines Relationship Managers gehen bislang für diese Recherche- und Dokumentationsarbeit drauf. Die genannten 30 Prozent Ersparnis sind erklärtes Ziel, kein gemessenes Ergebnis. Bemerkenswert ist trotzdem der Maßstab: Das ist kein Pilot mehr.
- OpenAI bietet Zero Data Retention für Frontier-Modelle – OpenAI. Für berechtigte API-Kunden werden Prompts und Antworten nach der Verarbeitung nicht gespeichert und fließen nicht ins Training; dazu kommt ein Verfahren zur Missbrauchserkennung, das ohne Personaleinsicht in die Inhalte auskommen soll. Eine Auslagerungsprüfung ersetzt das nicht, und ein extern auditiertes Merkmal ist es bislang auch nicht. Es räumt aber den häufigsten Einwand ab, der Agentic-AI-Piloten in beaufsichtigten Häusern aufhält.
- Die SEC schlägt eine Regulation Crypto Assets vor – U.S. Securities and Exchange Commission. SEC-Chairman Paul S. Atkins will Emittenten klare Wege zur Kapitalaufnahme unter dem Wertpapierrecht eröffnen; der Vorschlag baut auf der Auslegungshilfe vom März 2026 auf. Die Kommentarfrist beträgt 60 Tage ab Veröffentlichung im Federal Register. Für europäische Häuser ist der Vergleich zur laufenden MiCA-Überprüfung der eigentliche Lesegrund.
- Die Deutsche Bank formt Googles Financial Research Agent mit – Deutsche Bank. Nach der Handelsüberwachung, über die dieser Newsletter am 17. August geschrieben hat, ist das die zweite Google-Kooperation der Bank in diesem Feld: Als Design-Partner hat das Haus den Financial Research Agent in Gemini Enterprise for Financial Services mitgestaltet und will ihn in der Unternehmensbank einsetzen. Ein Einzelprojekt ist das damit nicht mehr.
„A US AI fallout would not remain a US problem.“
▸ Quellen dieser Ausgabe
- Preisübersicht der OpenAI-API (GPT-5.6 Sol, Aktionspreis bis mindestens 21. November 2026) – OpenAI
- Verlängerung der um 50 Prozent erhöhten Claude-Code-Wochenlimits bis 31. August 2026 – Anthropic, 19.08.2026
- Higher limits for Claude Code and the Claude API – Anthropic, 06.05.2026
- Preisübersicht der Gemini-API (3.7 Flash, Einführungspreis bis 31. Dezember 2026) – Google
- Alibaba gibt Qwen3.8-Max-Gewichte frei und stellt ein Laptop-Modell vor – CNBC, 17.08.2026
- DeepSeek stellt ein experimentelles multimodales Modell vor – SiliconANGLE, 21.08.2026
- Scalable Capital becomes first bank in Europe to open platform to AI assistants via Agentic Investing – Scalable Capital, 25.08.2026
- The AI boom: rational enthusiasm or the next dot-com bubble? – EZB-Blog, 17.08.2026
- Konsultation zur Umqualifizierung von Wertpapierfirmen als Kreditinstitute – EBA, 25.08.2026
- Konsultation zum Melderahmen für Clearing bei anerkannten Drittstaaten-CCPs – ESMA, 18.08.2026
- Beendigung der Cease-and-Desist-Order gegen die Deutsche Bank AG – Federal Reserve Board, 20.08.2026
- DBS scales agentic AI for corporate bankers – DBS, 19.08.2026
- Offering Zero Data Retention for frontier models – OpenAI, 19.08.2026
- SEC Proposes New Regulation Crypto Assets – U.S. Securities and Exchange Commission, 18.08.2026
- Deutsche Bank helps shape Google Cloud’s new AI solution for financial services – Deutsche Bank, 25.08.2026
- Introducing Gemini Enterprise for Financial Services – Google Cloud, 25.08.2026
- Souveränität ist keine Adresse: Was Mistrals Öffnung für ein chinesisches Modell bedeutet – the agentic banker, 20.08.2026