Am Montag, dem 14. September 2026, veröffentlichte das Technikportal TestingCatalog Bildschirmfotos aus der iOS-App von Claude, die dort noch niemand benutzen konnte: einen neuen Bereich namens „Money“, darunter die Zeile „Link your bank accounts and ask Claude about spending, plans, and more.“ Binnen einer Woche zog die Meldung durch die Tech- und Wirtschaftspresse, The Independent titelte am 18. September „Anthropic wants to give AI access to your bank account“. Am selben Montag stellte Anthropic auf dem eigenen Blog Claude for Financial Advisors vor, eine Sammlung von Connectoren für Vermögensberater, darunter einer zur Verwahrung von Charles Schwab. Über diesen Connector liest Claude nach der Beschreibung des Unternehmens „balances, positions, transactions, cost basis, alerts, and money-movement status“. Die Schlagzeile folgte dem Leak, der Kontozugriff lag im offiziellen Teil.

Die öffentliche Debatte behandelt das Modell am Bankkonto als Zukunftsszenario, das an einer unbestätigten App-Funktion hängt. Tatsächlich sitzt es dort in den USA längst, nur auf anderen Wegen: über die Berater, die Daten ihrer Kunden in Claude holen, über die Partner-App Rowan von Rocket Money, die nach der eigenen Pressemitteilung auf einem Anthropic-Modell läuft und im Namen ihrer Nutzer handelt, und über die lesenden Finanzfunktionen von OpenAI und Perplexity. Für eine europäische Bank verschiebt sich damit die Frage. Wer das Konto führt, ändert sich nicht. Offen ist, wer die Oberfläche besitzt, auf der der Kunde seine Zahlen versteht, und über welche rechtliche Tür ein Modellanbieter in Europa an diese Zahlen käme. Das Folgende ist eine Ableitung aus veröffentlichten Produktseiten, Pressemitteilungen und Normtexten, keine Vorhersage, ob und wann Claude Money erscheint.

In Kürze

Was: Leak einer Funktion „Claude Money“ in der iOS-App von Claude am 14. September 2026, von Anthropic bis Redaktionsschluss weder angekündigt noch bestätigt oder dementiert. Am selben Tag offizieller Start von Claude for Financial Advisors mit Connectoren zu Verwahrern und Vermögensverwaltungssoftware

Befund: Sprachmodelle lesen in den USA bereits Kontodaten, über Perplexity (seit April) und OpenAI (seit Mai), und handeln über Partner-Apps wie Rowan auf Anthropic-Basis (seit August). Kein vergleichbarer Start in der EU ist bekannt

Gegenüber: USA mit der gerichtlich gestoppten CFPB-Regel 1033 und Verträgen zwischen Banken und Datenaggregatoren. EU mit dem Kontoinformationsdienst nach PSD2, für den die Bank keinen Vertrag verlangen kann

An wen: Vorstände und Bereichsleiter Retail- und Digital-Banking, Verantwortliche für Open Banking und Schnittstellen, Produktverantwortliche für Banking-Apps

Stand bei Redaktionsschluss (25. September 2026): keine Stellungnahme von Anthropic zu Claude Money, PSR ausverhandelt und nicht in Kraft, FiDA im Trilog

Der Leak ist die dünnste Quelle des Tages

Alles, was über Claude Money bekannt ist, stammt aus einer einzigen Quelle. Alexey Shabanov von TestingCatalog fand die Oberflächenelemente in der iOS-App, einen eigenen Reiter „Money“ mit einem Bank-Symbol und einen Einstiegsbildschirm mit der Überschrift „Understand your money with Claude“. BleepingComputer, The Independent, gHacks und eine Reihe weiterer Medien haben den Fund übernommen, alle mit Verweis auf TestingCatalog. Mehrere Artikel ergeben hier also keinen zweiten Beleg, sie erzählen denselben Fund mehrfach nach. Was die Funktion können soll, ist nach Angabe der Erstquelle offen: „The exact account types, data provider, and supported actions remain unknown.“ The Independent hat Anthropic um eine Stellungnahme gebeten, im Artikel steht keine Antwort. Auf der Nachrichtenseite des Unternehmens findet sich bis Redaktionsschluss kein Wort zu Claude Money.

Gewiss spricht einiges dafür, dass die Funktion weiter gediehen ist als eine Skizze. Ein eigener Reiter in der Navigation und ein fertig formulierter Einstiegsbildschirm entstehen selten für ein Experiment, das nie jemand sehen soll, und BleepingComputer schreibt von Hinweisen „ahead of the expected announcement“. Doch eine erwartete Ankündigung ist keine erfolgte, und ohne Datenanbieter, Regionen und Funktionsumfang lässt sich über das Produkt nichts sagen, was über den Wortlaut von drei Bildschirmzeilen hinausgeht. Wer aus dem Leak ableitet, Claude werde demnächst deutsche Girokonten lesen, stapelt eine Annahme auf die nächste.

Ein Detail aus den Nutzungsbedingungen zeigt, wie viel noch zu klären wäre. Die Consumer Terms von Anthropic verbieten es, sich auf die Dienste zu verlassen, „to buy or sell securities or to provide or receive advice about securities, commodities, derivatives, or other financial products or services, as Anthropic is not a broker-dealer or a registered investment adviser“. Eine Auswertung von Ausgaben fällt nicht zwingend unter dieses Verbot, eine Frage nach dem richtigen Sparplan schon eher. Zwischen „ask Claude about spending, plans, and more“ und dieser Klausel liegt ein Spannungsfeld, das ein Produktstart auflösen müsste. Bislang hat Anthropic dazu nichts veröffentlicht.

4 + 1STARTS AM KONTO 2026, DAZU EIN LEAKKein Start in der EU bekannt09.04.LESENPerplexity über PlaidGiro-, Spar-, Kreditkarten-, Kreditkonten15.05.LESENOpenAI: Finances in ChatGPTPro-Preview, ab 25.06. auch Plus25.08.HANDELNRocket Money Rowan, Powered by Anthropickündigt Abos, legt Sparüberweisungen an14.09.BERATERClaude for Financial AdvisorsSchwab: Salden, Positionen, Transaktionen14.09.LEAKClaude Money in der iOS-Appvon Anthropic nicht bestätigt
Vier Anbindungen von Sprachmodellen an Kontodaten zwischen April und September 2026, dazu der unbestätigte Leak Claude Money. Lesend sind Perplexity und OpenAI, handelnd ist Rowan auf Anthropic-Basis, Claude for Financial Advisors bedient Berater. Quellen: Plaid, OpenAI, Rocket Companies, Anthropic, TestingCatalog.

Über den Berater ist Claude schon an den Salden

Der offizielle Teil des 14. September ist unspektakulärer und für Banken aufschlussreicher. Claude for Financial Advisors ist nach der Ankündigung von Anthropic „a suite of connectors and workflow skills designed to help with research, prep, and documentation tasks“, gebaut für Vermögensberater in den USA. Die Begründung auf dem Blog ist eine Zeitrechnung: Eine typische Beratungspraxis verbringe nach Untersuchungen von Kitces nur ein Sechstel ihrer Zeit in Kundengesprächen. Die Connectoren binden Addepar, BlackRock, Envestnet, iCapital, SS&C Black Diamond, Vanguard, Wealthbox, Orion, Salesforce und weitere Systeme an, und der zu Charles Schwab reicht bis in die Verwahrung. Schwab Advisor Services betreut nach Angaben von InvestmentNews mehr als 16.000 unabhängige Vermögensverwalter, sogenannte Registered Investment Advisers (RIA). Über diesen einen Connector erreicht Claude also die Kontodaten der Endkunden einer sehr großen Zahl von Beratungsfirmen, ohne dass einer dieser Kunden eine Chat-App geöffnet hat.

Bemerkenswerter als der Umfang ist der Vertrag. Alison Dooher, bei Schwab Advisor Services für KI zuständig, beschreibt gegenüber InvestmentNews zwei Schutzklauseln. Die erste schließt das Training aus, und zwar ausdrücklich über die Standardeinstellungen hinaus: „The enterprise licenses, for what it's worth, with Anthropic already default to no model training.“ Und weiter: „But there are other licenses that don't, and we wanted to ensure that we superseded that and there would be no model training as part of this.“ Die zweite begrenzt die Daten selbst: „So account numbers will be masked. We are not passing things like social security numbers or date of birth.“ Der Verwahrer hat also verhandelt, was genau durch die Schnittstelle fließt und was auf der anderen Seite damit geschehen darf.

Our specific agreement with Anthropic via our connector is that no data will be retained for model training. Alison Dooher, Head of AI, Schwab Advisor Services, gegenüber InvestmentNews, September 2026

Für Privatkunden gilt ein anderer Rahmen. Seit Oktober 2025 wählen Nutzer der Pläne Free, Pro und Max bei Anthropic, ob ihre Unterhaltungen in das Training neuer Modelle eingehen dürfen. Wer zustimmt, dessen Daten bewahrt das Unternehmen nach eigener Ankündigung fünf Jahre auf, sonst 30 Tage. Eine eigene Regel für Finanzdaten enthält die Datenschutzerklärung nicht. OpenAI hält es bei seiner Finanzfunktion genauso: „Your conversations with Finances follow the same model training settings you choose across ChatGPT.“ Das ist kein Vorwurf, beide Anbieter geben die Wahl offen an. Es zeigt aber, wo die Verhandlungsmacht sitzt. Ein Verwahrer mit einem großen Beraternetz setzt Klauseln durch, die ein einzelner Kunde nicht verlangen kann, und genau diese Position hätte in Europa die Bank.

Handeln gibt es schon, und zwar über einen Partner

Die weitreichendste Anbindung eines Anthropic-Modells an Kundenkonten trägt nicht den Namen Claude. Am 25. August 2026 hat Rocket Money, eine Tochter der börsennotierten Rocket Companies, einen Assistenten namens Rowan gestartet. Die Pressemitteilung beschreibt ihn als „an AI agent that goes beyond analysis, monitoring consumer's finances and even acting on their behalf“ und nennt die Technik im selben Absatz: „Powered by Anthropic, Rowan watches spending around the clock.“ Der Nutzer antwortet per Textnachricht, und Rowan handelt: „It can renegotiate recurring bills, cancel subscriptions and even create automated savings transfers.“ Aaron Dignan, bei Rocket Money für agentische Produkte zuständig, fasst den Unterschied zu den bisherigen Finanz-Apps so zusammen: „That's the difference between knowing and acting.“ Verfügbar ist Rowan zunächst für ausgewählte Abonnenten eines neuen Tarifs Premium Plus, eine breitere Einführung kündigt das Unternehmen für später im Jahr an.

OpenAI hat die Grenze bewusst anders gezogen. Die Funktion Finances in ChatGPT startete am 15. Mai 2026 als Vorschau für Pro-Nutzer in den USA und steht seit dem 25. Juni auch im Plus-Tarif zur Verfügung, angebunden über den Aggregator Plaid. Sie zeigt Ausgaben nach Kategorien, anstehende Zahlungen, Abonnements, Nettovermögen und Depotaufteilung. Die Hilfeseite zählt ebenso genau auf, was sie nicht kann: „ChatGPT cannot: Move money · Pay bills · Change account settings · Make trades […]“. Perplexity war sogar früher dran und hat die Anbindung über Plaid schon am 9. April auf Giro-, Spar-, Kreditkarten- und Kreditkonten ausgeweitet. Plaid wiederum gibt an, mehr als die Hälfte der Amerikaner mit Bankkonto habe den Dienst schon genutzt, bei fast einer Million neuer Kontoverbindungen am Tag.

Zwar sind das alles Angebote für den amerikanischen Markt, teils auf zahlende Tarife oder ausgewählte Nutzer beschränkt, und keines davon hat eine europäische Bank auch nur berührt. Doch die Richtung ist in den Produktbeschreibungen selbst angelegt. Die Lesefunktionen bauen die Oberfläche, auf der ein Kunde seine Finanzen versteht. Die handelnden Assistenten verlagern auch die Entscheidung dorthin. Für die Bank bleibt in beiden Fällen die Rolle des Datenlieferanten, und Kieran Hines vom Marktforschungshaus RFI Global hat die Folge nach dem Start von OpenAI trocken benannt: „the bank's app becomes less important as a primary interface for financial insight.“

In Europa führt die Tür über die PSD2, nicht über FiDA

Käme ein solches Angebot nach Europa, stünde es vor einer Frage, die in der bisherigen Berichterstattung über Claude Money nicht auftaucht: Welche Rechtsgrundlage erlaubt einem Dritten, Daten aus einem Girokonto abzurufen? Der naheliegende Kandidat ist die Verordnung über den Zugang zu Finanzdaten, Financial Data Access (FiDA). Sie ist es nicht. Der Kommissionsvorschlag erfasst Kreditverträge und Konten ausdrücklich „except payment accounts as defined in the Payment Services Directive (EU) 2015/2366“. Ein Girokonto ist ein solches Zahlungskonto, und FiDA ist ohnehin noch im Trilog, das letzte dokumentierte Ratsdokument stammt vom April 2026. Auch der im Trilog diskutierte Ausschluss sogenannter Gatekeeper trifft Anthropic und OpenAI nicht, weil beide nicht zu den nach dem Digital Markets Act benannten Unternehmen gehören. Die Einzelheiten zu FiDA ordnet ein eigener Beitrag ein.

Die Tür heißt Kontoinformationsdienst. Die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 definiert ihn in Artikel 4 Nr. 16 als „Online-Dienst zur Mitteilung konsolidierter Informationen über ein Zahlungskonto oder mehrere Zahlungskonten“, das Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz übernimmt das in § 1 (34) ZAG. Die Definition fragt nach der Funktion, nicht nach der Technik, ein Chat, der Salden und Umsätze zusammenfasst, erfüllt sie ebenso wie eine Budget-App. Wer in Deutschland ausschließlich diesen Dienst erbringt, braucht nach § 34 ZAG keine Vollzulassung, aber eine Registrierung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), eine Berufshaftpflichtversicherung und mindestens zwei Geschäftsleiter, bei Unternehmen geringer Größe genügt einer.

Artikel 67 PSD2 regelt, was ein solcher Anbieter darf. Er braucht die ausdrückliche Zustimmung des Kunden, muss sich bei jedem Abruf gegenüber der kontoführenden Bank identifizieren und darf die Daten nach Absatz 2 Buchstabe f „nicht für andere Zwecke als für den vom Zahlungsdienstnutzer ausdrücklich geforderten Kontoinformationsdienst verwenden, darauf zugreifen oder speichern“. Neben die fünfjährige Aufbewahrung für das Modelltraining, die im Verbrauchergeschäft der Modellanbieter möglich ist, gelegt, ergibt das eine unmittelbare Reibung. Offen ist allerdings, wen die Pflicht trifft. Die großen Anbieter arbeiten in den USA mit Aggregatoren wie Plaid, und ob ein Modellanbieter, der die Daten nur über einen registrierten Dienstleister bezieht, selbst in den Aufsichtsbereich fällt oder als dessen Agent nach Artikel 19 PSD2 eingetragen werden müsste, hat weder ein Gericht noch die BaFin bisher öffentlich entschieden. Im Register der BaFin und der European Banking Authority (EBA) ließ sich für OpenAI und Anthropic kein Eintrag finden.

Die Nachfolgeregeln ändern an dieser Tür vorerst nichts. Rat und Parlament haben sich am 27. November 2025 vorläufig auf die Payment Services Regulation (PSR) und eine neue Zahlungsdiensterichtlinie geeinigt. Die Pressemitteilung des Rats stellt Betrugsbekämpfung, den Abgleich von IBAN und Empfängernamen und Transparenz bei Gebühren in den Vordergrund. Im Amtsblatt ist der Text noch nicht erschienen, und nach der Verfahrensakte des Parlaments wartet er auf die Position des Rats in erster Lesung. Für jeden, der im Oktober 2026 über einen Start in Europa nachdenkt, gilt die PSD2.

In den USA verhandelt die Bank den Preis, in der EU entscheidet die Registrierung

Der Vergleich mit den USA zeigt, wie viel an dieser Tür hängt. Dort sollte die Regel der Verbraucherschutzbehörde Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) zu Section 1033 des Dodd-Frank Act den Zugang Dritter zu Kontodaten ordnen, finalisiert im Oktober 2024. Die Forcht Bank, die Kentucky Bankers Association und das Bank Policy Institute haben dagegen geklagt, ein Bundesgericht in Kentucky hat die Durchsetzung gestoppt, und die CFPB selbst hat die Aussetzung beantragt, um die Regel neu zu schreiben. In der Vorabmitteilung vom 22. August 2025 steht als einer von vier Streitpunkten „the optimal approach to the assessment of fees“, die Frage also, ob und wie Banken für Datenabrufe Geld verlangen dürfen. Einen neuen Regelentwurf hat die Behörde bis Redaktionsschluss nicht im Federal Register veröffentlicht.

Die Banken haben die Lücke mit Verträgen gefüllt. JPMorgan Chase hat nach einem Bericht von CNBC vom 14. November 2025 neue Vereinbarungen mit Aggregatoren geschlossen, „that make up more than 95% of the data pulls on its systems, including Plaid, Yodlee, Morningstar and Akoya“. Beträge nennen weder die Bank noch die Aggregatoren. Banksprecher Drew Pusateri kommentierte das Ergebnis mit einem Satz, der die amerikanische Lage zusammenfasst: „The free market worked.“ Brian Shearer vom Vanderbilt Policy Accelerator, früher bei der CFPB, erwartet, dass andere Großbanken folgen. Wer Derivatebücher geführt hat, kennt das Muster: Den Preis bestimmt, wer den Zugang zum Fluss kontrolliert, solange der Gegenpartei keine Alternative bleibt.

Die PSD2 hat diese Verhandlung im europäischen Recht ausgeschlossen. Artikel 67 Absatz 4 bestimmt: „Das Erbringen von Kontoinformationsdiensten ist nicht vom Bestehen einer vertraglichen Beziehung zu diesem Zweck zwischen den Kontoinformationsdienstleistern und den kontoführenden Zahlungsdienstleistern abhängig.“ Absatz 3 verpflichtet die Bank, Datenanfragen eines registrierten Dienstes „ohne Diskriminierung“ zu behandeln. Eine europäische Bank kann einem registrierten Kontoinformationsdienst den Zugang also nicht über einen Vertrag steuern, den sie aushandelt. Ihr Hebel liegt an anderer Stelle: bei der Identifizierung jedes Abrufs, die der Dienst nach Absatz 2 schuldet, und bei der Qualität der eigenen Oberfläche. Wie groß ein geregelter Datenzugang werden kann, zeigt das Vereinigte Königreich. Open Banking Limited meldete Ende Juli 2026 mehr als eine Milliarde Zahlungen und mehr als 100 Milliarden Schnittstellenaufrufe seit 2018. Wie London mit Zahlungen durch Agenten umgehen will, beschreibt der Beitrag vom 2. Oktober zur Konsultation des HM Treasury.

> 95 %DER DATENABRUFE BEI JPMORGAN UNTER VERTRAGIn der EU darf die Bank keinen Vertrag verlangenUSAEURechtsgrundlageRegel 1033, final 2024,gerichtlich gestopptPSD2 Art. 67,giltZugang an VertragVerträge für mehr als95 % der Abrufenein, Art. 67 (4)kein Vertrag nötigModell am KontoPerplexity, OpenAI,Rowan (Anthropic)kein Startbekannt
In den USA hat JPMorgan Chase den Zugang von Aggregatoren für mehr als 95 Prozent der Datenabrufe vertraglich geregelt, während die CFPB-Regel 1033 gestoppt ist. In der EU macht Artikel 67 Absatz 4 PSD2 den Kontoinformationsdienst unabhängig von einem Vertrag mit der Bank. Quellen: CFPB, CNBC, Richtlinie (EU) 2015/2366.

Die Bank-App verliert die Deutung, bevor sie Kunden verliert

Die Nachfrage ist in Deutschland schon da, bevor ein Angebot da ist. Nach einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbands Bitkom vom Mai 2026 haben 25 Prozent der Menschen ab 16 Jahren bereits einen Chatbot wie ChatGPT nach Finanzrat gefragt, und das ohne Zugriff auf ihre Kontodaten. 27 Prozent können sich vorstellen, einer KI die Mehrheit ihrer Finanzentscheidungen zu überlassen, 49 Prozent lehnen KI bei Finanzthemen grundsätzlich ab. Die beiden ersten Zahlen messen Verschiedenes, die eine tatsächliche Nutzung, die andere eine hypothetische Bereitschaft, und sie lassen sich nicht addieren. Gemeinsam zeigen sie aber, dass ein Viertel der Kunden die Frage nach dem eigenen Geld heute schon an einer Stelle stellt, an der die Bank nicht mitliest.

Freilich verliert eine Bank dadurch weder Einlagen noch Zahlungsverkehr, das Konto bleibt, wo es ist, und die Zahlungsauslösung ist nach § 1 (33) ZAG ein eigener Dienst. Allerdings entscheidet sich die Kundenbeziehung im Retailgeschäft seit Jahren weniger an der Kontoführung als an der Oberfläche, und genau dort setzen die amerikanischen Angebote an. Wer die Ausgaben eines Kunden kategorisiert, seine Abonnements findet und ihm den Kündigungsbrief abnimmt, besetzt den Moment, in dem die Bank bisher ihr nächstes Produkt anbieten konnte. Kieran Hines von RFI Global formuliert es für die Banken als Zeitfrage: „The window to do this on their own terms is narrowing.“ Eine öffentliche Stellungnahme großer Bankverbände zu Finances in ChatGPT ließ sich bis Redaktionsschluss nicht finden.

Die europäische Rechtslage verschafft den Banken dabei eher Zeit als Schutz. Ein Modellanbieter, der hier Girokonten lesen will, braucht eine Registrierung oder einen registrierten Partner, er muss Zweckbindung und Identifizierung erfüllen, und keiner der amerikanischen Anbieter hat bislang einen europäischen Start angekündigt. Das ist ein Vorsprung von offener Dauer. Sobald ein Anbieter die Tür nimmt, gilt für die Bank Artikel 67 Absatz 4: Verhandeln kann sie dann nicht mehr.

Handlungsempfehlungen

1. Abrufe von Kontoinformationsdiensten nach dem Endempfänger auswerten

Jeder Dienst identifiziert sich nach Artikel 67 PSD2 bei jedem Abruf. Die Schnittstellenstatistik der eigenen Bank zeigt deshalb heute schon, welche Aggregatoren wie oft abrufen. Sinnvoll ist, diese Auswertung um die Frage zu ergänzen, hinter welchen Aggregatoren Anwendungen mit Sprachmodellen stehen, damit ein europäischer Start eines Modellanbieters nicht erst aus der Presse bekannt wird.

2. Die Auswertung der eigenen Kontodaten in der eigenen App anbieten

Die amerikanischen Angebote leben von Funktionen, die jede Bank auf ihren eigenen Daten bauen kann: Ausgaben nach Kategorien, wiederkehrende Zahlungen, Abonnements, anstehende Belastungen. Wer sie in der eigenen App mit einem Sprachmodell zugänglich macht, beantwortet die Frage des Kunden dort, wo die Bank die Oberfläche besitzt, und unter den eigenen Regeln zu Datenschutz und Aufbewahrung.

3. Die Klauseln von Schwab als Maßstab für eigene Modellanbindungen nehmen

Banken, die Claude, ChatGPT oder andere Modelle intern an Kundendaten anbinden, sollten die Schutzklauseln des Schwab-Vertrags zum Mindestmaß machen: ausdrücklicher Ausschluss des Trainings für alle Lizenzstufen, nicht nur für Enterprise-Lizenzen, und Maskierung von Kontonummern und Identifikationsmerkmalen vor dem Datenfluss.

4. Den PSR-Text nach der Veröffentlichung auf Schnittstellenpflichten lesen

Die vorläufige Einigung vom 27. November 2025 ist in der öffentlichen Kommunikation des Rats vor allem ein Betrugspaket. Welche Pflichten der endgültige Text für Schnittstellen und Kontoinformationsdienste bringt, entscheidet über den Rahmen, in dem ein Modellanbieter in Europa antreten würde. Die Lektüre gehört deshalb auf den Plan, sobald der Text im Amtsblatt steht.

Begriffserklärung

Begriffe

Kontoinformationsdienst (Account Information Service, AIS): Online-Dienst, der Informationen über ein oder mehrere Zahlungskonten eines Kunden bei anderen Zahlungsdienstleistern zusammenführt, Artikel 4 Nr. 16 PSD2, § 1 (34) ZAG. In Deutschland registrierungspflichtig nach § 34 ZAG

Zahlungsauslösungsdienst (Payment Initiation Service, PIS): Dienst, der auf Veranlassung des Kunden einen Zahlungsauftrag für ein Konto bei einem anderen Zahlungsdienstleister auslöst, § 1 (33) ZAG

Aggregator: Dienstleister wie Plaid, Yodlee oder Akoya, der Verbindungen zu Tausenden Banken unterhält und Kontodaten an Anwendungen weiterreicht

Registered Investment Adviser (RIA): in den USA registrierter unabhängiger Vermögensverwalter, der Kundenvermögen häufig bei einem Verwahrer wie Charles Schwab hält

Section 1033: Vorschrift des Dodd-Frank Act, auf deren Grundlage die CFPB den Datenzugang Dritter zu Bankkonten regeln soll