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the agentic banker #15

Billiger wird es schnell, ertragreicher noch nicht

Claude Opus 5.5 und GPT-6 Sol, die IIF-EY-Umfrage, die Debatte seit Dario Amodeis Essay, Pontes im Livebetrieb und die EBA-Leitlinien zum Drittparteienrisiko – was in den letzten zwei Wochen wirklich zählt.

Christian Schablitzki · 24. September 2026

Highlight

Billiger wird es schnell, ertragreicher noch nicht

Am Dienstag hat Anthropic mit Claude Opus 5.5 sein erstes Modell veröffentlicht, seit Dario Amodei dazu aufgerufen hat, das Tempo an der Spitze zu drosseln, und am Abend desselben Tages stellte OpenAI GPT-6 Sol und GPT-6 Luna vor. Opus 5.5 kostet 4 US-Dollar je Million Input- und 20 US-Dollar je Million Output-Token, laut Anthropic 20 Prozent weniger als Opus 5, Cache-Reads sogar 60 Prozent weniger. OpenAI halbiert die Preise von Sol und Luna gegenüber den Aktionspreisen der 5.6-Familie, Sol liegt jetzt bei 2 und 10 US-Dollar je Million Input- und Output-Token. Gedrosselt werden soll der Zuwachs an Fähigkeiten, die Preise fallen weiter.

Die Gegenrechnung aus der Praxis liefert die Jahresumfrage des Institute of International Finance (IIF) und von EY, für die 65 Finanzinstitute aus acht Regionen befragt wurden und die am 17. September erschien. Siebzig Prozent der Häuser setzen Agentic AI inzwischen in Produktion ein, im Vorjahr waren es 23 Prozent. Messbaren finanziellen Nutzen aus Agentic AI melden bislang 32 Prozent aller Befragten, bei Predictive AI sind es 86 und bei GenAI 81 Prozent. Für die kommenden zwölf Monate erwarten ihn 75 Prozent. Klassische KI hat laut IIF und EY rund 15 Jahre bis in den breiten Produktiveinsatz gebraucht, GenAI vier und Agentic AI zwei.

Ich kenne dieses Muster vom Handelstisch: Als die Order-Ausführung elektronisch und damit günstiger wurde, stieg zuerst das Volumen, verdient haben am Ende die Häuser, die ihre Prozesse dahinter umgebaut hatten. Ein Token zum halben Preis schließt die Lücke zwischen Einsatz und Ertrag deshalb nicht von allein, es macht nur das Ausprobieren billiger. Die Erwartung von 75 Prozent ist ein Versprechen an die eigenen Vorstände, eingelöst ist sie noch nicht. In dieser Woche sagt der Abstand zwischen Einsatz und Ertrag mehr über die Branche als die Frage, wie schnell die Labs an der Spitze fahren. Was sich dort seit Dario Amodeis Essay getan hat, steht direkt darunter.

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Zwölf Mal China, kein Mal Börsengang: Was in Dario Amodeis Pausen-Essay steht und was nicht

Balkengrafik: Kursveränderungen von sieben Chip- und KI-Titeln am 14. September 2026, von Nvidia mit −3 Prozent bis SoftBank mit −13,2 Prozent, laut Reuters

Am 12. September hat Dario Amodei gefordert, das Tempo zu drosseln, mit dem KI-Modelle stärker werden, und Anthropic einseitig verpflichtet, unabhängige Prüfer mit Mitarbeiterzugang ins Haus zu lassen. Mein Kommentar hält die Pause für richtig und fragt, was im Essay fehlt: Die Aufsicht ist geliehen, das Zeitfenster hat sich seit Mai von Monaten auf Jahre gedehnt, und der Preis wird an der Nasdaq bezahlt.

seit dem Essay

Seit meinem Kommentar vom 15. September hat die Debatte an Tempo gewonnen. Ursula von der Leyen griff das Stichwort am 16. September in ihrer Rede zur Lage der Union wörtlich auf („To pace the frontier“) und kündigte an, mit Kanada, dem Vereinigten Königreich und weiteren Partnern bei Modellprüfung, Frühwarnung und KI-Sicherheit zusammenarbeiten zu wollen. Am 18. September folgte der erste konkrete Schritt: Accenture stellt über seine Einheit Faculty ein Team eingebetteter Prüfer bei Anthropic auf. Beide Unternehmen rechnen damit, in den nächsten fünf Jahren je mindestens 1 Milliarde US-Dollar in diesen Bereich zu investieren, und Anthropic bezahlt Accentures Arbeit direkt. Opus 5.5 hat Anthropic vor dem Release von externen Prüfern testen lassen, darunter METR. OpenAI legte am 21. und 22. September Grundsätze für Standards und Drittprüfungen nach und betont, die vorgeschlagenen Standards seien keine Lizenzen und keine verpflichtende Prüfung vor dem Release. In der Branche ist das Echo geteilt: Demis Hassabis von Google DeepMind nannte die Richtung „correct“, Mark Zuckerberg von Meta verweist auf den „strong natural incentive“ der Labs, ihre Modelle von sich aus besser auszurichten.

Das Weiße Haus hält dagegen. Donald Trump warf Dario Amodei am 14. September auf Truth Social vor, sich als „perfect little angel“ auszugeben, und verwies auf die „tremendous CRIMINAL and REGULATORY power“ seiner Regierung über diese Unternehmen. Am 22. September erklärte er vor der UN-Generalversammlung, die USA lehnten jeden Versuch ab, ein globales Kontrollregime für KI zu errichten, und benannte die Technologie gleich mit um: In amerikanischen Dokumenten soll sie künftig „super intelligence“ heißen. Wer sich als Bank auf die Prüfberichte seiner Anbieter stützen will, findet den nüchternsten Satz in Anthropics eigener Mitteilung: Es gebe „as yet, no standards“ dafür, worauf eingebettete Prüfer Zugriff haben und wie sie berichten, und auch kein etabliertes System, unabhängige Prüfung zu finanzieren.

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Agentic AI

tools, skills & what’s trending

Die Laufzeitumgebung für Agenten wird zur Plattformfrage

OpenAI hat am 10. September die Agents API als Public Beta freigegeben: dieselbe Harness, die Codex antreibt, als gemanagter Dienst für langlaufende Agenten, mit Sandbox bei OpenAI, in eigener Infrastruktur oder bei Partnern wie Cloudflare, Modal und Oracle. Eine Gebühr für die API selbst fällt laut OpenAI nicht an, abgerechnet werden Token und Tools. Google hat mit AX einen quelloffenen Orchestrator unter Apache-2.0-Lizenz auf GitHub gestellt, der jede Agenten-Aufgabe mit eigenem Arbeitsbereich und abgeschottetem Netz ausführt und sich für Kubernetes-Nutzer vertraut anfühlen soll, eine stabile Version steht noch aus. Damit wandert die Architekturentscheidung vom Modell zur Laufzeitumgebung, und dort entstehen die Abhängigkeiten, die sich später schwer lösen lassen.

Ein Modell erfindet Zahlen und nennt die echte Quelle

OpenAI hat am 16. September ein Framework veröffentlicht, nach dem Fehlverhalten der eigenen Modelle erfasst, untersucht und öffentlich gemacht wird, samt sechs Fallberichten aus den vergangenen sechs Monaten. Fall drei gehört in jede Diskussion über KI im Research: Ein internes, unveröffentlichtes Modell sollte im Training Einkommenszahlen eines kalifornischen Countys beschaffen, fand dabei einen offen liegenden API-Schlüssel und nutzte ihn ohne Berechtigung. Als es die Zahlen trotzdem nicht bekam, erfand es sie und gab sie als Daten aus der angefragten Quelle aus. Dass OpenAI das offenlegt, verdient Anerkennung. Der Fall ist zugleich das stärkste Argument für eine Validierungsschicht zwischen Modell und Bericht.

DeepSeek gibt eine Million Token Kontext unter MIT-Lizenz frei

DeepSeek hat am 9. September DeepSeek-V4.1-Flash auf Hugging Face gestellt, ein multimodales Mixture-of-Experts-Modell mit 552 Milliarden Parametern und bis zu einer Million Token Kontext. Aktiv sind je Token nur 8 Milliarden Parameter beim Einlesen und 16 Milliarden bei der Ausgabe, was eingabelastige Agenten-Workloads laut DeepSeek deutlich günstiger macht. Den KV-Cache, den Zwischenspeicher für bereits verarbeiteten Kontext, drückt DeepSeek auf rund ein Viertel des Vorgängers. Wer sensible Daten im eigenen Rechenzentrum halten will, bekommt damit eine realistischere Self-Hosting-Option. Die Frage nach Herkunft und Prüfbarkeit des Modells beantwortet die Lizenz allerdings nicht.

Banking & Regulation

was jetzt wirklich zählt

Pontes ist live, und die EZB will selbst investieren

Am 21. September hat das Eurosystem Pontes gestartet: Großkundengeschäfte in tokenisierten Vermögenswerten lassen sich damit in Zentralbankgeld abwickeln. Angeschlossen sind 13 Marktteilnehmer, darunter Deutsche Bank, DekaBank, DZ Bank, BayernLB, KfW und NRW.BANK, sowie vier Betreiber von Distributed-Ledger-Plattformen, unter ihnen Clearstream und SWIAT. Neu ist die zweite Meldung desselben Tages: Die EZB bereitet vor, einen kleinen Teil ihres eigenen, nicht geldpolitischen Portfolios in tokenisierte Wertpapiere zu investieren, zunächst in Euro-Papiere des öffentlichen Sektors und europäischer Supranationaler, abgewickelt über Pontes. Längere Betriebszeiten und der volle Funktionsumfang folgen schrittweise bis 2028. Eine Notenbank, die selbst als Investorin auftreten will, sendet ein stärkeres Signal als eine, die nur die Schiene baut.

Die EBA regelt das Drittparteienrisiko außerhalb von DORA

Die European Banking Authority (EBA) hat am 18. September ihre finalen Leitlinien zum Drittparteienrisiko veröffentlicht (EBA/GL/2026/09). Sie ersetzen die Auslagerungs-Leitlinien vom 25. Februar 2019 und gelten für Dienstleistungen außerhalb der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT). Für IKT gilt der Digital Operational Resilience Act (DORA). Die Pressemitteilung spricht von einem ganzheitlichen Ansatz über IKT und Nicht-IKT, herstellen muss ihn das Institut allerdings selbst. Das Anwendungsdatum steht noch aus, und die zweijährige Übergangsfrist ist genau besehen eine Meldepflicht: Wer die Überprüfung der Verträge für kritische oder wichtige Funktionen bis dahin nicht abgeschlossen hat, soll die Aufsicht informieren und die geplanten Schritte oder die Exit-Strategie nennen. Das Register, das die Leitlinien für alle Drittparteivereinbarungen verlangen, umfasst neun Pflichtangaben, für kritische oder wichtige Funktionen kommen acht hinzu.

Signal & Noise

was Deine Zeit wert ist

  • Banks warn AI shopping bots raise scam, fraud and data-privacy risks – Reuters. NatWest, Bank of America, ING, Capital One, ASB und die Commonwealth Bank of Australia legen Prinzipien für Einkaufsagenten vor und wollen offengelegt sehen, wann ein Agent an einer Transaktion beteiligt ist.
  • US equity market developments during the AI boom – EZB, Economic Bulletin 6/2026. Die Fortsetzung zum Featured-Artikel der letzten Ausgabe: Der Herfindahl-Hirschman-Index für den S&P 500 liegt über seinem historischen 95. Perzentil, ein Ausverkauf weniger Titel kann laut EZB auf den breiten Markt übergreifen.
  • Why Europeans save differently – and how to put those savings to work – EZB-Blog. Rund 80 Prozent der Haushalte im Euroraum besitzen weder Aktien noch andere marktbasierte Finanzinstrumente, der Blog sucht die Gründe.
  • Call for online and mobile merchants to participate in digital euro pilot now open – EZB. Händler können sich bis 27. Oktober, 17 Uhr MEZ, für den zwölfmonatigen Piloten bewerben, der im zweiten Halbjahr 2027 beginnen soll.
  • Detecting and countering misuse of AI: September 2026 – Anthropic. Lehrreich für Banken ist die Abfangmasche im Know-Your-Customer-Prozess (KYC): Ein Reverse Proxy reicht den echten Verifizierungsablauf durch, das Opfer bestätigt seine Identität, und der Angreifer übernimmt die verifizierte Sitzung samt Dokumenten.

„The Gründerzeit earned its name because Europe turned the inventions of that age into companies. Today, the companies are being built elsewhere.“

– Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, Wien, 14. September 2026
▸ Quellen dieser Ausgabe
  1. Claude Opus 5.5 – Anthropic, 22. September 2026
  2. Introducing GPT-6 Sol and Luna – OpenAI, 22. September 2026
  3. 2026 IIF-EY Global Annual Survey Report on AI Use in Financial Services – IIF und EY, 17. September 2026
  4. Zwölf Mal China, kein Mal Börsengang: Was in Dario Amodeis Pausen-Essay steht und was nicht – the agentic banker, 15. September 2026
  5. We Must Pace the Frontier – Dario Amodei, 12. September 2026
  6. Ursula von der Leyen zur Lage der Union – Euronews, 16. September 2026
  7. Accenture and Anthropic Partner to Build Team of Embedded Evaluators at Anthropic – Accenture, 18. September 2026
  8. Partnering with Accenture on embedded evaluation – Anthropic, 18. September 2026
  9. Building standards for the next phase of AI – OpenAI, 21. September 2026
  10. Priorities and principles for effective third party assessments – OpenAI, 22. September 2026
  11. Demis Hassabis zu Dario Amodeis Essay – X, 12. September 2026
  12. Mark Zuckerberg gegen einen koordinierten Slowdown – Fortune, 16. September 2026
  13. Donald Trump auf Truth Social – Fox News, 14. September 2026
  14. Trump says AI will be renamed ‘super intelligence’ in all US documents – The Hill, 22. September 2026
  15. Introducing the Agents API – OpenAI, 10. September 2026
  16. AX – Google's open agentic orchestration runtime – GitHub
  17. Our framework for reporting model misalignment – OpenAI, 16. September 2026
  18. DeepSeek-V4.1-Flash: Pushing the Limits of KV Cache Compression – DeepSeek auf Hugging Face, 9. September 2026
  19. Eurosystem brings central bank money to tokenised finance – EZB, 21. September 2026
  20. ECB to invest part of own funds in tokenised securities, with settlement via Pontes – EZB, 21. September 2026
  21. The EBA publishes its final Guidelines on the management of third-party risk – EBA, 18. September 2026
  22. Banks warn AI shopping bots raise scam, fraud and data-privacy risks – Reuters, 22. September 2026
  23. US equity market developments during the AI boom – EZB, Economic Bulletin 6/2026
  24. Why Europeans save differently – and how to put those savings to work – EZB-Blog, 15. September 2026
  25. Call for online and mobile merchants to participate in digital euro pilot now open – EZB, 15. September 2026
  26. Detecting and countering misuse of AI: September 2026 – Anthropic, 10. September 2026
  27. A new age of capital: growth, sovereignty and AI – Christine Lagarde, EZB, 14. September 2026
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Christian Schablitzki

Christian Schablitzki

Strategy & Management Consultant · Agentic-AI-Experte für Finanzinstitute

Über 20 Jahre in Investmentbanking und Derivatehandel, anschließend mehr als 10 Jahre als Berater für Finanzinstitute. Aktuell Partner bei Infosys Consulting in Deutschland. Zertifiziert in Google AI, Generative AI Leader (Google Cloud) und IBM RAG and Agentic AI.

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